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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Geschichte von Schloss Liebegg

   Autor: Markus Widmer-Dean download PDF (510KB)  

Einleitende Bemerkungen
Die Geschichte von Schloss Liebegg und seiner Besitzer wurde bisher meist nur summarisch beschrieben. Besonders verdienstvoll gab Walther Merz im Beitrag «Die Ritter von Liebegg» aus dem Jahr 1894 einen ersten Überblick [1], den er dann in seinem Standartwerk «Die mittelalterlichen Burgen und Wehrbauten des Kantons Aargau» um die den Rittern von Liebegg nachfolgenden Schlossbesitzer ergänzte [2]. «Die Herren von Liebegg und Trostberg» wurden schliesslich auch im «Genealogischen Handbuch zur Schweizergeschichte» ausführlich besprochen [3]. Aus jüngerer Zeit ist der Beitrag «Über die Herren von Trostberg und von Liebegg und die Anfänge der Herrschaft Trostberg» von Jean Jacques Siegrist aus dem Jahr 1962 besonders zu erwähnen [4].

Neben der Geschichte der Ritter von Liebegg, die um 1433 im Mannesstamm ausgestorben sind, interessiert im Rahmen einer lokalgeschichtlichen Darstellung verständlicherweise die Besitzgeschichte bis auf den heutigen Tag. Die im Entstehen begriffenen neue Gränicher Ortsgeschichte versucht dies im Rahmen des Möglichen zu erfüllen [5]. Kurz gefasste Auszüge der diesbezüglichen Forschungen sollen nachfolgend dargestellt werden. Gleichzeitig ist seit Mitte Januar 2002 im Gränicher Ortsmuseum «Chornhuus» eine Sonderausstellung zum Thema «Schloss Liebegg» eröffnet werden. Sie ist bis Ende 2002 geöffnet, danach wird die Ausstellung dauerhaft auf Schloss Liebegg zu sehen sein.

Baugeschichte
Das heutige Schloss Liebegg hat - von seiner Bausbstanz her gesehen - kaum mehr etwas mit der mittelalterlichen Burg zu tun. Es ist ein Produkt der Neuzeit.

Der Ursprung der mittelalterlichen Burg Liebegg dürfte in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts (1150-1200) zu suchen sein. Damals spaltete sich ein Juniorzweig der Herren von Trostberg ab und baute nur einen halben Kilometer Luftlinie vom Stammhaus entfernt die Burg Liebegg.

Flugaufnahme 1999 (Foto: Ruedi Hunziker, Kölliken)
Flugaufnahme 1999 (Foto: Ruedi Hunziker, Kölliken)


Lage der alten und neuen Burg auf aktuellem Grundrissplan
Lage der alten und neuen Burg auf aktuellem Grundrissplan
Dieser erste Bau wurde später als «alte Burg» bezeichnet und befand sich auf dem äussersten und höchsten Punkt des Hügels, wo heute das Luternau-Haus steht. Etwa 100 Jahre später (1250-1300) entstand dann, südlich abgestufund durch einen Graben abgetrennt, die sogenannte «neue Burg».

Das Aussehen der mittelalterlichen Burg Liebegg, von der kein Bild überliefert ist, wurde durch Augustin von Luternau 1561/62 deutlich sichtbar verändert. Er erbaute das heute noch so bezeichnete «Luternauhaus», einen spätgotischen Wohnbau, der im Verlauf des 19. Jahrhunderts zur Hälfte abgetragen werden musste.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts (1617/18) gestaltete der wohlhabende Schlossbesitzer Reinhart Graviset die «neue Burg» um. Das Erdbeben von 1817 führte dann zum Einsturz der Westmauer des Wohntraktes der «neuen Burg», sodass sie zurückversetzt neu errichtet werden musste.

Zwischen 1875 und 1900 fand eine gründliche Sanierung des ganzen Schlosses statt. 1907 wurde der verbliebene Rest des Luternauhauses erneuert.

Zeichnung von ca. 1850, von J. Wagner
Zeichnung von ca. 1850, von J. Wagner

Im ausgehenden 20. Jahrhundert wurden schliesslich das Luternauhaus (1982) und die sich in einem sehr schlechten Zustand befindlichen Gebäude der neuen Burg renoviert (bis 2002).

Herrschaft Liebegg und Gränichen
Gränichen und Liebegg waren althabsburgischer Streubesitz. Die Grafen von Habsburg belehnten die Herren von Liebegg mit der «alten» Burg und dem halben Twing Liebegg. Die andere Hälfte wurde den Liebeggern von den Freien von Aarburg als sogenanntes «Afterlehen» (=Unterlehen) verliehen (Lehensherr waren ebenfalls die Grafen von Habsburg). Im Dorf Gränichen erwarben die Liebegger zudem im Verlauf des 13. Jahrhunderts sämtliche habsburg-laufenburgischen Rechte.

Neben der Burg Liebegg, dem dazugehörigen Twing (=Niedergerichtsgebiet) und den Gränicher Besitzungen waren die Herren von Liebegg auch Inhaber der Burg Schöftland mit der dazugehörigen Herrschaft sowie dem dortigen Kirchensatz (=Recht, die Kirche mit einem Pfarrer zu «besetzen»). Hierzu kam Lehenbesitz von Twing und Kirchensatz Birrwil.

Lage der  verschiedenen Elemente des Liebegger Herrschaftslehens
Lage der verschiedenen Elemente des Liebegger Herrschaftslehens

Die alten Herrschaftsverhältnisse endeten im Jahr 1798, als die napoleonischen Truppen die Alte Eidgenossenschaft eroberten. Im Jahr 1820 wurde dann das vormals zur Herrschaft Liebegg gehörende Gebiet südlich von Gränichen (inklusive Gulmhof und Teilen des Pfendels) per Regierungsratsbeschluss zum Gemeindegebiet von Gränichen geschlagen.

Zwischen der Herrschaft Liebegg und dem Dorf Gränichen gab es eine jahrhundertealte Nachbarschaft, die nicht immer die beste war. Davon zeugt Urkunden- und Aktenmaterial im Gränicher Gemeindearchiv, das sich über acht Jahrhunderte verteilt und in seiner Mehrzahl Produkt von Streitfällen zwischen Schlossherrschaft und Dorfgemeinde war.


Wappenscheibe und Grabstein
Wappenscheibe und Grabstein
Meist ging es um Nutzungsrechte am Gränicher Wald. Ein Höhepunkt in dieser Angelegenheit war der grosse Waldkauf von 1596, als die Dorfgemeinde Gränichen der Liebegger Schlossherrschaft ihre Hälfte der Nutzungsrechte abkaufte. Auf der anderen Seite waren die Liebegger Kirchgenossen der Gränicher, liessen sich in der hiesigen Kirche taufen, heirateten hier und wurden auf dem Friedhof beerdigt. Die Schlossherrschaft spendete prachtvolle Glasfenster und liess ihre Gräber mit eindrücklichen Grabplatten decken.

Schlossherren
Die Herren von Liebegg, urkundlich erstmals 1241 erwähnt, gehörten zum alten aargauischen Dienstadel. Von den Herren von Trostberg auf der Trostburg abstammend, erbaute sich ein Juniorzweig die Burg Liebegg, wo sie die ganze österreichische Herrschaftszeit über sassen. Einige Zeit waren jedoch auch die Ritter von Glarus (ritterliches Geschlecht der Stadt Zürich) an einer Hälfte der Burg Liebegg durch Heirat einer Liebegg-Tochter beteiligt (1318-1371). Mit Johannes VI. starb das Geschlecht der Ritter von Liebegg um 1433 aus. Durch die Erbtochter Margarita fielen Burg und Herrschaft nun für acht Generationen an Petermann von Luternau und dessen Nachkommen.

Wappen der Herren von Liebegg
Wappen der Herren von Liebegg


Augustin von Luternau
Augustin von Luternau
Die Herren von Luternau waren ein altes Dienstadelsgeschlecht, das seine Stammburg in Lutern (Bz. Willisau) hatte. Sie zählten im 16. Jahrhundert innerhalb des bernischen Patriziates zu den sechs vornehmsten Familien.

1596 erwarb die Stadt Brugg Burg und Herrschaft Liebegg von Augustin von Luternau, der sich offenbar in argen Geldnöten befand. Keine zwei Monate später bereute er seinen Schritt und machte den Verkauf rückgängig.
Siegel der Stadt Brugg von 1616
Siegel der Stadt Brugg von 1616


Wappen der Familie Escher vom Glas aus Zürich
Wappen der Familie Escher vom Glas aus Zürich
Im Jahr 1602 gelangte die Herrschaft Liebegg durch Verkauf an die Familie Escher (vom Glas) aus Zürich, die zu den vornehmsten Familien der Limmatstadt gehörte. Marx Escher (Vater) war eine hochangesehene Persönlichkeit mit besten Beziehungen zum französischen Königshof. Es scheint, dass er die Liebegg erworben hatte, um seinen etwas schwierigen Sohn gleichen Namens aus Zürich zu entfernen. Die Herrschaft Liebegg ging wahrscheinlich durch Heirat einer gewissen Dorothea Escher 1616 an Renatus Graviset über.

Die Familie Graviset stammte ursprünglich aus der Pfalz. Renatus Graviset, ein reicher Strassburger Juwelier und Bankier, erwarb 1616 die Liebegg wahrscheinlich durch Heirat mit einer Angehörigen der Vorbesitzerfamilie Escher. Sein Sohn Jakob Graviset wurde 1624 Bernburger. Er bekleidetet wichtige Ämter (u.a. Landvogt in Oron). Die Graviset verkauften 1668 die Herrschaft Liebegg an den verwandten Johann Friedrich von Breiten-Landenberg. 1709 kam die Herrschaft tauschweise wieder an die Familie Graviset.
Jakob Graviset und Siegel von Johann Rudolf Graviset
Jakob Graviset und Siegel von Johann Rudolf Graviset


Wappen der Familie Landenberg
Wappen der Familie Landenberg
Die Familie von Landenberg war ursprünglich ein mächtiges und weitverbreitetes st. gallisches, später kiburgisches Dienstadelsgeschlecht. Der jüngste Zweig nannte sich Breiten-Landenberg. Die Familie des Erwerbers der Liebegg war am Bodensee begütert. Johann Friedrich I. von Breiten-Landenberg (1606-1688) kaufte die Herrschaft Liebegg 1668. Die beiden Frauen seiner Söhne, beide aus dem Haus von Hallwil, tauschten 1709 die Liebegg gegen das Erbe der dritten Schwester ein, die mit Johann Friedrich von Graviset verheiratet war. So fiel die Liebegg wieder an die Familie Graviset.

Die Familie von Diesbach stammte aus Thun, von wo aus Niklaus (Clewi) als Goldschmied, Leinwand- und Silberhändler den Aufstieg in den Berner Rat schaffte. Sein Nachfahre Bernhard von Diesbach (1734-1785) heiratete 1764 die Erbtochter Magdalena Margarita aus dem Hause Graviset, welche ihm die Herrschaft Liebegg in die Ehe einbrachte. Nach dem Tod ihres Vaters Hans Rudolf Graviset im Jahr 1772 war die Liebegg für vier Generationen im Besitz der Familie von Diesbach.
Bernhard von Diesbach und seine Frau Magdalena Margarita von Graviset
Bernhard von Diesbach und seine Frau Magdalena Margarita von Graviset


Friedrich Bernhard von Diesbach, letzter adliger Schlossherr auf LIebegg
Friedrich Bernhard von Diesbach, letzter adliger Schlossherr auf LIebegg
Friedrich Bernhart verkaufte die Liebegg, nunmehr nur noch Immobilienbesitz, 1875 an die Aarauer Industriellenfamilie Hunziker. Er selber erwarb in Oberschlesien ein Rittergut, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1909 lebte.

Die Aarauer Industriellenfamilie Hunziker stammte von Johann Hunziker-Frey (1774-1850) ab, dem Besitzer eines Baumwolltuchgeschäftes. Im Jahr 1875 erwarb Guido Hunziker-Zuest die Liebegg vom letzten adligen Schlossbesitzer Friedrich Bernhard von Diesbach. Guidos Sohn Julius Hunziker wohnte nach seiner Rückkehr aus den USA bis zu seinem Tod im Jahr 1941 auf der Liebegg.

Im Jahr 1945 kaufte der Kanton Aargau das Schloss, in dessen Besitz es sich noch heute befindet.

Julius Hunziker, letzter privater Besitzer der Liebegg
Julius Hunziker, letzter privater Besitzer der Liebegg

   Anmerkungen


1) Walther Merz. Die Ritter von Liebegg. Vortrag an der Jahresversammlung der aargauischen geschichtsforschenden Gesellschaft
zu Menziken am 9. Weinmonat 1893. Reinach 1894.
2) Walther Merz. Die mittelalterlichen Burgen und Wehrbauten des Kantons Aargau. 3 Bde. Aarau 1905-1929. Artikel «Liebegg»: Bd. I, S. 385ff.
3) Genealogisches Handbuch zur Schweizer Geschichte, hg. von der schweizerischen heraldischen Gesellschaft. 4 Bde. Zürich 1900-1980. Artikel «Herren von Liebegg und Trostberg»: Bd. III, S. 242ff.
4) Jean Jacques Siegrist. Über die Herren von Trostberg und von Liebegg und die Anfänge der Herrschaft Trostberg. In: Jahresschrift der Historischen vereinigung Wynental 1961/62, S. 1-10.
5) Eine ausführliche Bibliografie zum Themenbereich «Liebegg» wird dereinst in der neuen Gränicher Dorfgeschichte zu finden sein, in welcher die Liebegg gebührend behandelt werden wird, zumal «Schloss und Dorf» seit 1820 zum Gemeindegebiet von Gränichen gehören.