Historische Vereinigung Wynental

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2007 by webFormat
aktualisiert: 05.01.2016

   Zeitungsartikel / Die wechselvolle Geschichte der Post

   Wynentaler Blatt, 28.03.13

Reinach: Rückblick in die Vergangenheit

Auf Einladung der Historischen Vereinigung Wynental vermittelte das in Reinach aufgewachsene und in Pfungen/ZH wohnhafte Mitglied Jürg Roth einen Einblick in die Entwicklung der Post und legte bei seinem Referat ein besonderes Augenmerk auf unseren Kanton. Seine Ausführungen unterstützte er mit Illustrationen.

wf. In seiner Freizeit beschäftigt sich der bei der "Swiss" tätige Jürg Roth im Gegensatz zum Luftverkehr vielmehr mit "Bodenhaftung", welche das Postwesen der früheren und jüngeren Vergangenheit kennzeichnet. Schon lange befasst er sich mit der Entwicklung der Post. Ein Hauptaugenmerk wirft er bei seinem akribischen Tun den alten Poststempeln zu, welche eine im doppelten Sinne bunte Vielfalt ausmachen. Seine Nachforschungen führen zurück in die Römerzeit, über das Mittelalter bis in die Neuzeit, wo Veränduerngen (zum Beispiel Poststellenschliessungen in unserer Zeit) einen Wandel kennzeichnen.
Das alte Bern und sein Untertanengebiet Aargau, die Zeit der Helvetik und der spätere Bundesstatt wurden postalisch in seinem interessanten Referat gestreift. Bei seinen aufschlussreichen Ausführungen durften auch die speziellen Verhältnisse im Wynental nicht fehlen.

minutiöse Forschung
Der Referent gehörte auch zum Autorenteam für das "Stempelwerk" des Kantons Aargau von der Alten Eidgenossenschaft bis zur Bundespost, das in elf Bezirken aufgeteilt, letztes Jahr erschienen ist. Von den anfänglichen Mitarbeitern für dieses über viele Jahre erarbeitete Werk blieb schliesslich nur noch eine kleine Gruppe von Unentwegten, welche das erforschte Material zur Druckreife gebracht hat. Darin enthalten sind sämtliche Poststempel von der Alten Eidgenossenschaft bis zur Bundespost: Ortsstempel, Helvetik, Tax- und Nebenstempel, Spezial- und Bahnstempel (Spanisch Brötlibahn), Exemplare für Postrouten und Boten.
Dieser nur mit einer 150er-Auflage gedruckte Band (Nr. XIII der gesamten Schriftenreiehe) lag nach dem Referat zur Besichtigung auf und konnte käuflich erworben werden. Nicht nur für Philatelisten bedeutet das Werk ein wichtiges Stück Postgeschichte für unsere Region, weil es eine epochale Wandlung im schriftlichen Verkehr der fürheren Übermittlung festhält.

Die Entwicklung der Post in der Schweiz: Referat von Jürg Roth bei der Historischen Vereinigung Wynental. (Bild: wf.)
Die Entwicklung der Post in der Schweiz: Referat von Jürg Roth bei der Historischen Vereinigung Wynental. (Bild: wf.)

Von den frühen Anfängen an
In seinem Referat warf Roth einen Blick in das "Postwesen" der Frühzeit, als beretis ein weites Verbindungsnetzt im Grossen Römischen Reich funktionierte, an welches auch Helvetien und damit der heutige Aargau angeschlossen war: Der "Cursus Publicus" führte vom Grossen Sankt Bernhard und vom Genfersee über Solodurum (heutiges Solothurn) und von den Bündner Pässen über Turicum (Zürich) nach Vindonissa. Als das Reich unterging, zerfielen diese wichtigen Verbindungen. Mangels lese- und schreibkundigen Leuten existierten dann im gesamten Mittelalter keine öffentlichen Posteinrichtungen mehr. Jedermann musste selber dafür besorgt sein, dass (spärliche) schriftliche Mitteilungen einen Empfänger erreichten. Nur Fürstenhäuser und die hohe Geistlichkeit verfügten über Boten, die jedoch bei ihren Diensten nur auf die genannten Auftraggeber fixiert waren. Mehr oder weniger zuverlässige Pilger oder fahrende Sänger ergänzten die Weiterleitungsmöglichkeiten.

Such nach neuen Wegen
In der Schweiz entwickelte sich schon früh ein Botenwesen. Die "Böte" verkehrten zwischen Stadt und Land, vermittelten Erzeugnisse und Produkte - aber darüber hinaus nebst mündlichen auch schriftliche Aufträge. Eine der bekanntesten Organisationen zur Zeit des späten Mittelalters stellte das "Lyoner Ordinari" der Sankt-Galler-Kaufmannschaft dar. Eine der dazugehörigen Routen führte beispielsweise seit 1526 regelmässig von St. Gallen über Zürich - Mellingen - Lenzburg - Aarau - Solothurn nach Avenches. Die Kaufleute dürften daher als Pioniere der Post angesehen werden. Wenn diese Routen auch einen Fortschritt bedeuteten, waren sie nicht besonders schnell, weil sie einen nur vierzehntäglichen Rhythmus kannten.

Einträgliches Privatgeschäft
Der Stand Bern nahm sich 1675 dem Postwesen in seinem Gebiet selbst an in Form eines Staatsregals (analog Salzregal). Die Familie Fischer eignete sich als Alleininhaberin sämtliche Postreche an, auch dasjenige im Untertanenland des Aargaus. Im Zuge der "Fischerpost" (1675 bis 1832) wurde das vernachlässigte Verkehrsnetz ausgebaut und Kantonsstrassen (1706) erstellt. Verbessert wurden zudem die Transportmittel. Postreisewagen kamen auf. Eine der Hauptlinien führte zwischen Bern und Zürich über Aarau - Aarburg.
Auch internationale Verbindungen entstanden, Vereinbarungen mit ausländischen Postbetrieben. Nach der "Franzosenzeit" wurde alles neu geregelt. Zur Zeit der Helvetischen Republik (1798 bis 1803), mit Aarau als viermonatige Hauptstadt, erfuhr auch das Postwesen eine Umkrempelung. Es entstanden fünf Kreise. Basel, Bern, St. Gallen, Schaffhausen und Zürich. Schwierigkeiten ergaben sich jedoch, weil die Fischerpost och an einen Vertrag gebundne war, der bis 1808 Gültigkeit hatte. Schaffhausen war jedoch an das Postregal der Fürsten von Thurn und Taxis gebunden.

Neuregelung im Jahre 1803
In der Mediations-Epoche blieb die Fischerpost mit dem obrigkeitlichen Segen noch eine Zeit lang (im neu aus den verschiedensten Gebietsteilen zusammengewürfelten) Kanton Aargau bestehen. Auf den 1. Oktober 1804 übernahm der (neue Staat 10 Postbüros, verteilt über die ganze von Napoleon diktierte Neuschöpfung.
Der Referent konnte im weiteren Verlauf seines geschichtskundlichen Referates weit ausholen über die darauf folgende Entwicklung des Postwesens, welche auch die nähere Region einschloss. Sie wurde belegt durch die verschiedenartigen Stempel auf gekonnt (kalligrafisch) gestalteten Kuverts, welch auch auf die Beförderungsarten schliessen liessen. Erste Briefmarken (noch mit der Schere einzeln aus den Bogen zu trennen) kamen als "Post-Wertzeichen" in Gebrauch, 1845 das legendäre "Basler Tübli". Anfänglich war Behördenpost noch gratis... und vorphilatelistisch hatte der Empfänger die Beförderung eines Briefes zu berappen (Ja, damals waren sogar noch Bruchziffern von Rappen bei Portogebühren üblich ... gute, alte Zeit!).

Eidgenössische Post seit 12. Mai 1848
Im Jahre 1850 wurde in Aarau die erste eidgenössische Post in unserem Kanton eröffnet. Ab 1845 fuhr die erste Postkutsche durchs Suhrental und 1904 die letzte im Wynental. 1841 eröffneten Menziken und 1853 Gontenschwil die erste Postablage. Stempeldarstellungen nach amtlichen Vorschriften und zu verwendende Stempelfarben waren streng geregelt. (Im eingangs erwähnten Buch sind sie minutiös katalogisiert; eine aufwändige Such- und Forscherarbeit im 1994 bis 2012 erstellten Werk mit 520 Abbildungen, aus den 11 Bezirken stammend und mit dazu gehörigen Erklärungen.)

Kleine "Fussnote" zum Schluss
Beim Durchblättern des aufschlussreichen Bandes konnte der aufmerksame Betrachter auf einen rostroten Balkenstempel "KULM" stossen, der damals für die Poststelle Unterkulm galt. Vermutung oder gar Wunschdenken für viele heutige Zeitgenossen: Könnte die Kurzform erneut "reaktiviert" werden, wenn sich Ober- und Unter- auf vier Buchstaben einigen?