Historische Vereinigung Wynental

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aktualisiert: 05.01.2016

   Zeitungsartikel / 500 Jahre auf einer kleinen Scheibe

   Der Sonntag, 29.04.12

Historiker Peter Steiner aus Reinach publiziert eine Trouvaille für Familienforscher und Chronisten

Peter Steiner verkauft eine Daten-CD, eine unproblematische zwar, dafür eine interessante. Die Daten hat er im Untergeschoss des Reinacher Gemeindehauses ausgegraben.

VON PETER SIEGRIST
Der 83-jährige Historiker kennt das Archiv der Gemeinde Reinach wie seine eigene Hosentasche. Unzählige Stunden seines Lebens hat er hier unten verbracht, sich in die alten Akten vergraben und dabei viel Interessantes ans Licht befördert.
Nach der Publikation von "Reinach, 1000 Jahre Gesichte" 1995 hat er sich unter anderem häufig mit Familiengeschichten befasst. In Reinach bewegt sich wohl kein anderer so treffsicher wie Steiner zwischen den Aktenreihen aus vergangenen Jahrhunderten. Mit einem Griff zieht er die Kirchenbücher der alten Pfarrei Reinach uas einem Regal und legt sie im zweiten Stock im ehrwürdigen Ratszimmer der Gemeinde aus.

ZUR ALTEN PFARREI REINACH gehörten die Gemeinden Reinach, Menziken, Beinwil am See, Burg und Leimbach. Unter der Berner Regierung waren die Pfarrherren nach der Reformation verpflichtet worden, sämtliche Taufen, Eheschliessungen und Beerdigungen in Kirchenbücher einzutragen. "Das hatte mit der Täuferbewegung zu tun", erklärt Steiner, "die Obrigkeit wollte sicherstellen, dass alle Kinder getauft wurden." Die Rodel mit den Daten der Kausalien, wie man damals sagte, wurden bis 1820 allein von der Kirhce geführt. 17 Jahre nach der Gründung des Kantsons Aargau (1803) wurden neu auf den Gemeindekanzleien die Bürgerregister eingeführt.
Peter Steiner erklärt, wenn ein Familienforscher oder eine Privatperson den Spuren ihrer Ahnen folge, gehe das bis 1820 relativ gut. "Nachher jedoch muss man die Kirchenbücher hervornehmen und den Anschluss suchen, hier beginnt die historische Kleinarbeit."

45 000 Daten, von Peter Steiner in Kleinarbeit aus den alten Büchern geholt, haben Platz auf einer CD. PETER SIEGRIST
45 000 Daten, von Peter Steiner in Kleinarbeit aus den alten Büchern geholt, haben Platz auf einer CD. PETER SIEGRIST

STEINER SCHLÄGT eines der alten Bücher auf und streicht mit dem Handrücken sorgfältig über die Seiten. Der Historiker hat, teilweise unterstützt von vier anderen Familienforschern, über Jahre hinweg, die Reinacher Kirchenbücher Seite um Seite gelesen und abgeschrieben. Die Pfarrherren trugen die Daten mit Feder in der alten deutschen Schrift ein. Steiner liest die Schrift gern, selbst wenn ein Pfarrer kein Schönschreiber war, entziffert er dessen Text rasch. "Ich realisiere gar nicht mehr, wenn ich plötzlich einen Text in alter deutscher Schrift lese." Transkribieren, also abschreiben, war nur ein Teil der Arbeit. Die Daten stehen in chronologischer Folge in den Rodeln, die Familiendaten sind nicht blockweise nach Namen sortiert im Taufrodel zu finden.
Peter Steiner schaul als Historiker gern rückwärts und kennt sich in der Vergangenheit bestens aus. Aber er ist keiner, der im Vergangenen hängen bleibt, er hat den Sprung ins digitale Zeitalter längst gemacht. Mit 60 Jahren liess er sich als Bezirkslehrer in Reinach pensionieren und fokussierte seine Schaffenskraft auf die historische Forschung. Er publizierte in den vergangenen 20 Jahren mehrere Bücher und Aufsätze. Mit 60 hat sich Steiner den ersten Computer angeschafft und rasch gemerkt, welche Erleichterung die Informatik dem Historiker bringt. "Daten sammeln, sortieren und letztlich darstellen und publizieren geht mit den neuen Medien wesentlich leichter", sagt er. "Aber auch den Schriftverkehr per E-Mail und die Internetrecherche brauche ich täglich, sagt der 83-Jährige.

HEUTE SITZT PETER STEINER, der als Primarschüler noch mit Kreide und Schiefertafel unterrichtet wurde, am Tisch und hält in der rechten eine Daten-CD, vor ihm liegen die 400-jährigen Bücher. Steiner, der während seines Studiums in Archiven fleissig Karteikarten beschrieb und seine Arbeiten und die Dissertation mit der mechanischen Schreibmaschine tippte, staunt selber. Noch vor dreissig Jahren hat kaum jemand daran gedacht, dass einst alte Quellen digital aufbereitet via CD oder Internet an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Der Zugriff auf Archivdaten von zu Hause aus, damals undenkbar.

AUF DER CD SIND 45 000 transkribierte Kirchenbuchdaten eingebrannt. Mittels Verlinkungen und den Sortier- und Filterfunktionen gelingt es den CD-Lesern zum Beispiel, ihre Familie herauszuholen. "Dazu muss man kein ausgebildeter Familienforscher sein", erklärt Steiner, "auch Laien können sich an ihren eigenen Stammbaum wagen."
Zusätzlich zu den Kirchendaten haben Peter Steiner und sein Sohn Daniel 1700 Fotos auf die CD gestellt. Historische und aktuelle Bilder von 650 alten und markanten Häusern und ganze Dorfansichten. Eine wahre Fundgrube für dorfgeschichtlich interessierte Leute. Daniel Steiner hat als ausgebildeter Webdesigner auch die ganze CD programmiert. Im Übrigen hat STeiner vor 12 Jahren bereits die Krichenbuchdaten von Gontenschwil und von Leutwil transkribiert.

VOM HISTORIKER-VIRUS befallen wurde Peter Steiner bereits am Ende seiner Bezirksschulzeit. "Damals suchte ich in Leutwil auf der Kanzlei in den Büchern meine Vorfahren und entdeckte, wie spannend Geschichte und Forschung sind. Eine Tätigkeit, die ihn nie mehr losliess. So erstaunt es auch nicht, dass Steiner seit 1963 die Historische Vereinigung Wynental als Präsident leitet.
Peter Steiner schliesst die alten Kirchenübcher wieder, steigt hinab in die Katakomben des Gemeindehauses und legt sie in den Archivschrank. Die CD aber bleibt am Licht und mit ihr Namen und Bilder aus längst vergangenen Zeiten.

Vernissage: Freitag, 4. Mai, 20 Uhr, im ref. Kirchgemeindehaus Reinach. Vorgängig ab 19 Uhr, GV der Historischen Vereinigung Wynental. Die Laudatio hält Andrea Vellmin, Staatsarchivarin, Aarau.
Mehr Infos: www.hvw.ch