Historische Vereinigung Wynental

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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Die Spanische Grippe

   Autor: Peter Steiner, Reinach download PDF (154KB)  

1. Teil

Noch während in Europa der Erste Weltkrieg tobte, brach die berüchtigte Spanische Grippe aus, die schlimmste Pandemie aller Zeiten. Ihre Anfänge vermutet man nicht in Spanien, sondern im Staat Kansas in den USA, wo im März 1918 erste Krankheitsfälle auftraten. Unheimlich rasch breitete sich die Seuche über den ganzen Erdball aus. Mit Truppenschiffen gelangte das Virus auch nach Europa. Im Mai wurden vor allem massenhafte Grippefälle in Spanien bekannt. Durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen steckten sich die Menschen reihenweise an. Die medizinische Kunst war der Seuche gegenüber weitgehend machtlos. Die Grippe wütete bis weit ins Jahr 1919 hinein und kostete weit mehr Tote als der doch so verlustreiche Weltkrieg.

Wir fragen uns, ob sich Zeugnisse der grassierenden Krankheit auch im Wynental erhalten haben. Die Sichtung lokaler Quellen zeigt, dass es durchaus der Fall ist. Zunächst noch aus der Distanz nahm man in der Schweiz von dem unheimlichen Geschehen Kenntnis. In unserem Tal erschien am 5. Juni 1918 ein erster Bericht in der Lokalzeitung, dem «Wynentaler Blatt». Dieses bildet als eigentliche Fundgrube die Hauptquelle für unserere Darstellung. Wir lesen unter dem Titel «Die «geheimnisvolle Krankheit in Spanien», allein in Madrid seien schon 100’000 Personen erkrankt, und kürzlich habe es dort an einem einzigen Tag 110 Sterbefälle gegeben. Die Krankheit greife vor allem die Atmungswege, weniger die Eingeweide an.

Eine erste Grippewelle

Einen Monat später, im Juli, wurde es auch in der Schweiz bitterer Ernst. Der Seuchenzug breitete sich rasch im ganzen Land aus. Am 1. Juli erliess die aargauische Sanitätsdirektion – die Vorgängerin des heutigen Departements Gesundheit und Soziales – erste Vorschriften zur Vermeidung der Ansteckung. Sie betrafen die Gottesdienste, die Anstalten und die Fabriken. Auch vor dem Wynental machte die grassierende Krankheit nicht lange halt. Am 17. Juli schrieb die Lokalzeitung: «Die spanische Krankheit ist auch in unserer Gegend zum Tagesgespräch geworden. In Zetzwil, wo 30-40 Personen darniederliegen, ist der böse Gast, obwohl in zwei Fällen noch Lungenentzündung hinzugekommen, wieder im Verschwinden. Man glaubt, daß die Seuche vom kantonalen Turnfest hereingeschleppt worden ist. Andere Dörfer in unserer Gegend sind ebenfalls von der spanischen Grippe heimgesucht; besorgniserregende Fälle scheinen aber noch nicht vorgekommen zu sein.» Anderswo war es allerdings bereits schlimmer, wie man im oberen Wynental erfuhr. Das war besonders in grossen Städten wie Zürich und Bern der Fall. Bern beklagte bis am 27. Juli bereits 126 Todesopfer.

Inzwischen wurde die Lage auch im Aargau dramatischer. In der Woche vor dem 23. Juli zählte man im Kanton 1623 Grippefälle in 155 Gemeinden. Vereinzelt kamen auch Todesfälle vor.

Nun doppelte die Sanitätsdirektion nach und erliess folgendes Verbot: «Alle Veranstaltungen, welche zur Ansammlung zahlreicher Personen am gleichen Ort oder im gleichen Raum führen können wie Theateraufführungen, kinematographische Vorstellungen, Konzerte, Volksfeste und dergleichen sind bis auf weiteres verboten. Der Schulbetrieb ist bis auf weiteres einzustellen, ebenso der gemeinschaftliche Gottesdienst in Kirchen und Kapellen. Besuche der Grippekranken sind untersagt. Zuwiderhandlungen gegen diese Verfügung werden gemäß Art.3 des Bundesratsbeschlußes mit Geldbußen bis fr. 5000 oder mit Gefangenschaft bis zu 3 Monaten bestraft.»

Auszug aus dem Menziker Gemeinderatsprotokoll vom 27. Juli 1918: «Zu den Leiden des Krieges kommen nun noch solche einer epidemisch auftretenden Krankheit genannt Grippe oder spanische Krankheit. Sie fordert im Lande herum zahlreiche Opfer und hat es besonders auf das Militär abgesehen. ...»
Auszug aus dem Menziker Gemeinderatsprotokoll vom 27. Juli 1918: «Zu den Leiden des Krieges kommen nun noch solche einer epidemisch auftretenden Krankheit genannt Grippe oder spanische Krankheit. Sie fordert im Lande herum zahlreiche Opfer und hat es besonders auf das Militär abgesehen. ...»

Die Anordnungen des Kantons stiessen nicht überall auf Verständnis. Ein Einsender aus Schöftland schrieb im «Wynentaler»: «Man wird es bestimmt begrüßen, wenn rechtzeitig alles getan wird, um der Ausbreitung der Seuche vorzubeugen. Dennoch hat die Verfügung in unserer Gegend großes Befremden hervorgerufen.... Wenn bei uns die Gefahr so groß ist, daß die Gottesdienste z. B. untersagt werden müssen, wo die Leute in weiten, hohen Räumen für eine Stunde beisammen sind, warum werden dann z. B. die Wirtschaften nicht geschlossen, wo in kleinen Räumen die Leute einander viel näher sind? Und ist der Fabrikbetrieb, wo die Leute beisammen sind in engen Lokalitäten, der Ausbreitung der Krankheit nicht viel gefährlicher?»

Dass man sich mit den Verfügungen auseinandersetzte, fand auch der Menziker Gemeinderat richtig. Doch statt zu kritisieren, hielt er es für besser, genauere Informationen einzuholen. Daher fand sich eine Delegation des Rates zu einer Beratung mit der Sanitätsdirektion in Aarau ein. Sie erfuhr, dass sämtliche Versammlungen, etwa von Kinderstunden, vom Blaukreuz, der Heilsarmee, inbegriffen Versammlungen in Wirtschaften, zu unterbleiben hätten. Über den Fabrikbetrieb würden noch besondere Vorschriften erlassen. Vom eigentlichen Schliessen der Gasthöfe oder der Fabriken war allerdings nicht die Rede.

Das Oberwynental profitierte zu dieser Zeit von seiner Randlage und war weniger betroffen als andere Gegenden im Kanton. Die Menziker Behörde konnte mitteilen: «Bis jetzt ist unsere Gemeinde mit einigen Erkrankungen und einem einzigen Todesfall weggekommen. Hoffentlich ist uns der Himmel auch weiterhin gnädig.» Und auch das Wynentaler Blatt schrieb beschwichtigend: «Die Grippe tritt in unserer Gegend nur vereinzelt auf.» Trotzdem hielt man sich streng an die kantonalen Verfügungen. In Reinach beispielsweise stellte man den gesamten Schulbetrieb sofort ein und verbot den Gottesdienst in den sonst üblichen Räumen. Ebenso wurde «den Vorstehern des Ortsvereins. den sämtlichen Gewerkschaften & Vereinen jede Versammlung untersagt.». Diese Bestimmung wurde öffentlich angeschlagen. Auch auf der Burg hielt es der Gemeinderat für richtig, die Schule schlagartig zu schliessen und den Vereinen alle Versammlungen zu verbieten. In Reinach bedauerte man es, dass auch der traditionelle Warenmarkt nicht mehr abgehalten werden durfte.

Auch im angrenzenden Kanton Luzern versuchte man die Ausdehnung der Seuche zu bremsen. Unter anderem wurden die Kilbenen, die Kirchweihfeste, verboten, welche sonst auch von den Wynentalern – etwa in Pfeffikon – gerne besucht wurden. Im Aargau gab es da und dort lokale Spezialbemühungen. So liess der Stadtrat in Baden die Strassen mit desinfizierendem Wasser besprengen. Das war eine Nachricht, die das Wynentaler Blatt ihrer Kuriosität wegen für bemerkenswert hielt.

Inzwischen konnte die interessierte Leserschaft im Wynentaler Blatt in einem Artikel des renommierten Arztes Eugen Bircher Genaueres über die Grippe erfahren. Danach begann die Krankheit mit Katarrh und meist mit Schüttelfrost. Vorausgehen konnten Kopfschmerzen und Unwohlsein. Der Arzt unterschied drei Grippeformen: Die erste befiel vor allem die Atmungsorgane und brachte Husten, Schnupfen, Lungenentzündung. Die zweite äusserte sich in Leibschmerzen, Durchfall und Appetitlosigkeit. Die driitte verursachte Kopf-, Stirn- und Gliederschmerzen und war mit Zuckungen verbunden. Alle drei Formen gingen mit Fieber einher.

Im oberen Wynental blieb es auch weiterhin recht ruhig. Bezeichnend dafür ist das Fehlen von Krankheits-Hinweisen sowohl in der Zeitung als auch in den Protokollen der Gemeinderäte. Erst rückblickend hielt die Menziker Behörde später fest, die Grippe sei in der Gemeinde aufgetreten, habe sie aber im grossen und ganzen verschont.

Im übrigen Kanton klang die Seuche nur nach und nach ab. Laut Verfügung vom 15. August liess die Sanitätsdirektion zwar die Abhaltung von Gottesdiensten in geschlossenen Räumen wieder zu, wo es nach lokaler Ansicht zu verantworten war, hielt aber an allen andern Einschränkungen fest. Sie betonte dabei, namentlich hätten auch Grippekranke die Pflicht, jeden Verkehr mit andern Personen zu meiden. Die Epidemie scheine zwar abzunehmen, sei aber noch nicht erloschen. Tatsächlich zählte man In der Woche vom 11.-17. August im ganzen Kanton noch immer 608 Grippefälle in 101 Gemeinden mit 9 Todesfällen. Aus Reinach ist überliefert, dass auf Vorschlag des Kirchenpflegepräsidenten, Lehrer Leutwyler, die Kirche für Gottesdienste wieder geöffnet wurde, jedenfalls bei ungünstiger Witterung.

Auffallenderweise kam es gerade jetzt, im August, in unserer Region doch noch zum Tod von zwei Grippekranken. In Beinwil starb der erst 20-jährige Ludwig Eichenberger, Sohn eines Zigarrenfabrikanten. In Reinach folgte ihm eine Woche später der 44-jährige Fritz Anker auf dem Rebhübel im Tod nach.

Sonst aber war die Grippe offensichtlich am Abflauen. Am 29. August hielt der Reinacher Gemeinderat in seinem Protokoll fest: «Die Erkundigungen bei den hiesigen Ärzten haben ergeben, daß die von ihnen behandelten Fälle im Abnehmen begriffen und meistens ungefährlicher Natur sind. Gestützt darauf und der Weisung der Sanitätsdirektion folgend, wird der Schulpflege gestattet, den Schulbeginn auf nächsten Montag den 2. September anzusetzen.» Daran wurde einzig die Bedingung geknüpft, Schulkinder aus Familien mit Grippekranken seien vom Unterricht zu dispensieren.» Auch in den Nachbargemeinden wurde der Schulunterricht fast überall wieder aufgenommen. Überhaupt konnten alle behördlichen Massnahmen weitgehend aufgehoben werden.

   Quellen


Zeitungen: Wynentaler Blatt vom Juni 1918 bis April 1919
Gemeinderatsprotokolle von Reinach, Menziken und Burg
Die detaillierten Quellenanangaben sind beim Verfasser vorhanden.