Historische Vereinigung Wynental

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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Die Spanische Grippe

   Autor: Peter Steiner, Reinach download PDF (437KB)  

1. Teil

Noch während in Europa der Erste Weltkrieg tobte, brach die berüchtigte Spanische Grippe aus, die schlimmste Pandemie aller Zeiten. Ihre Anfänge vermutet man nicht in Spanien, sondern im Staat Kansas in den USA, wo im März 1918 erste Krankheitsfälle auftraten. Unheimlich rasch breitete sich die Seuche über den ganzen Erdball aus. Mit Truppenschiffen gelangte das Virus auch nach Europa. Im Mai wurden vor allem massenhafte Grippefälle in Spanien bekannt. Durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen steckten sich die Menschen reihenweise an. Die medizinische Kunst war der Seuche gegenüber weitgehend machtlos. Die Grippe wütete bis weit ins Jahr 1919 hinein und kostete weit mehr Tote als der doch so verlustreiche Weltkrieg.

Wir fragen uns, ob sich Zeugnisse der grassierenden Krankheit auch im Wynental erhalten haben. Die Sichtung lokaler Quellen zeigt, dass es durchaus der Fall ist. Zunächst noch aus der Distanz nahm man in der Schweiz von dem unheimlichen Geschehen Kenntnis. In unserem Tal erschien am 5. Juni 1918 ein erster Bericht in der Lokalzeitung, dem «Wynentaler Blatt». Dieses bildet als eigentliche Fundgrube die Hauptquelle für unserere Darstellung. Wir lesen unter dem Titel «Die «geheimnisvolle Krankheit in Spanien», allein in Madrid seien schon 100’000 Personen erkrankt, und kürzlich habe es dort an einem einzigen Tag 110 Sterbefälle gegeben. Die Krankheit greife vor allem die Atmungswege, weniger die Eingeweide an.

Eine erste Grippewelle

Einen Monat später, im Juli, wurde es auch in der Schweiz bitterer Ernst. Der Seuchenzug breitete sich rasch im ganzen Land aus. Am 1. Juli erliess die aargauische Sanitätsdirektion – die Vorgängerin des heutigen Departements Gesundheit und Soziales – erste Vorschriften zur Vermeidung der Ansteckung. Sie betrafen die Gottesdienste, die Anstalten und die Fabriken. Auch vor dem Wynental machte die grassierende Krankheit nicht lange halt. Am 17. Juli schrieb die Lokalzeitung: «Die spanische Krankheit ist auch in unserer Gegend zum Tagesgespräch geworden. In Zetzwil, wo 30-40 Personen darniederliegen, ist der böse Gast, obwohl in zwei Fällen noch Lungenentzündung hinzugekommen, wieder im Verschwinden. Man glaubt, daß die Seuche vom kantonalen Turnfest hereingeschleppt worden ist. Andere Dörfer in unserer Gegend sind ebenfalls von der spanischen Grippe heimgesucht; besorgniserregende Fälle scheinen aber noch nicht vorgekommen zu sein.» Anderswo war es allerdings bereits schlimmer, wie man im oberen Wynental erfuhr. Das war besonders in grossen Städten wie Zürich und Bern der Fall. Bern beklagte bis am 27. Juli bereits 126 Todesopfer.

Inzwischen wurde die Lage auch im Aargau dramatischer. In der Woche vor dem 23. Juli zählte man im Kanton 1623 Grippefälle in 155 Gemeinden. Vereinzelt kamen auch Todesfälle vor.

Nun doppelte die Sanitätsdirektion nach und erliess folgendes Verbot: «Alle Veranstaltungen, welche zur Ansammlung zahlreicher Personen am gleichen Ort oder im gleichen Raum führen können wie Theateraufführungen, kinematographische Vorstellungen, Konzerte, Volksfeste und dergleichen sind bis auf weiteres verboten. Der Schulbetrieb ist bis auf weiteres einzustellen, ebenso der gemeinschaftliche Gottesdienst in Kirchen und Kapellen. Besuche der Grippekranken sind untersagt. Zuwiderhandlungen gegen diese Verfügung werden gemäß Art.3 des Bundesratsbeschlußes mit Geldbußen bis fr. 5000 oder mit Gefangenschaft bis zu 3 Monaten bestraft.»

Auszug aus dem Menziker Gemeinderatsprotokoll vom 27. Juli 1918: «Zu den Leiden des Krieges kommen nun noch solche einer epidemisch auftretenden Krankheit genannt Grippe oder spanische Krankheit. Sie fordert im Lande herum zahlreiche Opfer und hat es besonders auf das Militär abgesehen. ...»
Auszug aus dem Menziker Gemeinderatsprotokoll vom 27. Juli 1918: «Zu den Leiden des Krieges kommen nun noch solche einer epidemisch auftretenden Krankheit genannt Grippe oder spanische Krankheit. Sie fordert im Lande herum zahlreiche Opfer und hat es besonders auf das Militär abgesehen. ...»

Die Anordnungen des Kantons stiessen nicht überall auf Verständnis. Ein Einsender aus Schöftland schrieb im «Wynentaler»: «Man wird es bestimmt begrüßen, wenn rechtzeitig alles getan wird, um der Ausbreitung der Seuche vorzubeugen. Dennoch hat die Verfügung in unserer Gegend großes Befremden hervorgerufen.... Wenn bei uns die Gefahr so groß ist, daß die Gottesdienste z. B. untersagt werden müssen, wo die Leute in weiten, hohen Räumen für eine Stunde beisammen sind, warum werden dann z. B. die Wirtschaften nicht geschlossen, wo in kleinen Räumen die Leute einander viel näher sind? Und ist der Fabrikbetrieb, wo die Leute beisammen sind in engen Lokalitäten, der Ausbreitung der Krankheit nicht viel gefährlicher?»

Dass man sich mit den Verfügungen auseinandersetzte, fand auch der Menziker Gemeinderat richtig. Doch statt zu kritisieren, hielt er es für besser, genauere Informationen einzuholen. Daher fand sich eine Delegation des Rates zu einer Beratung mit der Sanitätsdirektion in Aarau ein. Sie erfuhr, dass sämtliche Versammlungen, etwa von Kinderstunden, vom Blaukreuz, der Heilsarmee, inbegriffen Versammlungen in Wirtschaften, zu unterbleiben hätten. Über den Fabrikbetrieb würden noch besondere Vorschriften erlassen. Vom eigentlichen Schliessen der Gasthöfe oder der Fabriken war allerdings nicht die Rede.

Das Oberwynental profitierte zu dieser Zeit von seiner Randlage und war weniger betroffen als andere Gegenden im Kanton. Die Menziker Behörde konnte mitteilen: «Bis jetzt ist unsere Gemeinde mit einigen Erkrankungen und einem einzigen Todesfall weggekommen. Hoffentlich ist uns der Himmel auch weiterhin gnädig.» Und auch das Wynentaler Blatt schrieb beschwichtigend: «Die Grippe tritt in unserer Gegend nur vereinzelt auf.» Trotzdem hielt man sich streng an die kantonalen Verfügungen. In Reinach beispielsweise stellte man den gesamten Schulbetrieb sofort ein und verbot den Gottesdienst in den sonst üblichen Räumen. Ebenso wurde «den Vorstehern des Ortsvereins. den sämtlichen Gewerkschaften & Vereinen jede Versammlung untersagt.». Diese Bestimmung wurde öffentlich angeschlagen. Auch auf der Burg hielt es der Gemeinderat für richtig, die Schule schlagartig zu schliessen und den Vereinen alle Versammlungen zu verbieten. In Reinach bedauerte man es, dass auch der traditionelle Warenmarkt nicht mehr abgehalten werden durfte.

Auch im angrenzenden Kanton Luzern versuchte man die Ausdehnung der Seuche zu bremsen. Unter anderem wurden die Kilbenen, die Kirchweihfeste, verboten, welche sonst auch von den Wynentalern – etwa in Pfeffikon – gerne besucht wurden. Im Aargau gab es da und dort lokale Spezialbemühungen. So liess der Stadtrat in Baden die Strassen mit desinfizierendem Wasser besprengen. Das war eine Nachricht, die das Wynentaler Blatt ihrer Kuriosität wegen für bemerkenswert hielt.

Inzwischen konnte die interessierte Leserschaft im Wynentaler Blatt in einem Artikel des renommierten Arztes Eugen Bircher Genaueres über die Grippe erfahren. Danach begann die Krankheit mit Katarrh und meist mit Schüttelfrost. Vorausgehen konnten Kopfschmerzen und Unwohlsein. Der Arzt unterschied drei Grippeformen: Die erste befiel vor allem die Atmungsorgane und brachte Husten, Schnupfen, Lungenentzündung. Die zweite äusserte sich in Leibschmerzen, Durchfall und Appetitlosigkeit. Die driitte verursachte Kopf-, Stirn- und Gliederschmerzen und war mit Zuckungen verbunden. Alle drei Formen gingen mit Fieber einher.

Im oberen Wynental blieb es auch weiterhin recht ruhig. Bezeichnend dafür ist das Fehlen von Krankheits-Hinweisen sowohl in der Zeitung als auch in den Protokollen der Gemeinderäte. Erst rückblickend hielt die Menziker Behörde später fest, die Grippe sei in der Gemeinde aufgetreten, habe sie aber im grossen und ganzen verschont.

Im übrigen Kanton klang die Seuche nur nach und nach ab. Laut Verfügung vom 15. August liess die Sanitätsdirektion zwar die Abhaltung von Gottesdiensten in geschlossenen Räumen wieder zu, wo es nach lokaler Ansicht zu verantworten war, hielt aber an allen andern Einschränkungen fest. Sie betonte dabei, namentlich hätten auch Grippekranke die Pflicht, jeden Verkehr mit andern Personen zu meiden. Die Epidemie scheine zwar abzunehmen, sei aber noch nicht erloschen. Tatsächlich zählte man In der Woche vom 11.-17. August im ganzen Kanton noch immer 608 Grippefälle in 101 Gemeinden mit 9 Todesfällen. Aus Reinach ist überliefert, dass auf Vorschlag des Kirchenpflegepräsidenten, Lehrer Leutwyler, die Kirche für Gottesdienste wieder geöffnet wurde, jedenfalls bei ungünstiger Witterung.

Auffallenderweise kam es gerade jetzt, im August, in unserer Region doch noch zum Tod von zwei Grippekranken. In Beinwil starb der erst 20-jährige Ludwig Eichenberger, Sohn eines Zigarrenfabrikanten. In Reinach folgte ihm eine Woche später der 44-jährige Fritz Anker auf dem Rebhübel im Tod nach.

Sonst aber war die Grippe offensichtlich am Abflauen. Am 29. August hielt der Reinacher Gemeinderat in seinem Protokoll fest: «Die Erkundigungen bei den hiesigen Ärzten haben ergeben, daß die von ihnen behandelten Fälle im Abnehmen begriffen und meistens ungefährlicher Natur sind. Gestützt darauf und der Weisung der Sanitätsdirektion folgend, wird der Schulpflege gestattet, den Schulbeginn auf nächsten Montag den 2. September anzusetzen.» Daran wurde einzig die Bedingung geknüpft, Schulkinder aus Familien mit Grippekranken seien vom Unterricht zu dispensieren.» Auch in den Nachbargemeinden wurde der Schulunterricht fast überall wieder aufgenommen. Überhaupt konnten alle behördlichen Massnahmen weitgehend aufgehoben werden.

2. Teil

In der Zeitung meldete sich der Menziker Arzt Dr. Merz zur Lage: «Beim Wiederbeginn des Schulunterrichts in unserer Gemeinde sei es mir erlaubt, über die Grippe-Erkrankungen einige Worte zu verlieren. Der Charkter einer Epidemie wird bemessen nach der Häufigkeit der Komplikationen und der Zahl der Todesfälle. Mit Rücksicht darauf kann der Verlauf der Erkrankungen in Menziken als ein durchwegs günstiger und leichter bezeichnet werden. Daß wir bis zur Stunde von einer Massenerkrankung verschont geblieben sind, mag zum Teil der Belehrung durch die Presse, z. T. den behördlichen Maßnahmen und nicht zuletzt den Verordnungen einiger Fabriketablissemente zu Gute geschrieben werden.... Unser aller ernstestes Bestreben soll es nun sein, die spanische Grippe vor Winteranfang auszurotten. Wenn wir das nicht zuwege bringen, so wird der Charakter der Epidemie in der kühlen Jahreszeit sich wesentlich verschlimmern und ist eine Massenerkrankung zu erwarten.»

Die zweite Welle

War Doktor Merz ein Hellseher? Die Freude über das allmähliche Erlöschen der Epidemie war verfrüht. Das Schlimmste war nicht überstanden, es kam erst. Die Grippe schlug diesmal auch im Wynental mit voller Wucht zu. Der ersten Grippewelle folgte allgemein die viel folgenschwerere zweite.

Schon am 5. September – keine Woche nach den Überlegungen von Doktor Merz – musste der Reinacher Gemeindeammann seinen Kollegen an einer Sitzung mitteilen, im Neudorf lägen in verschiedenen Haushaltungen fast alle Familienglieder an der Grippe erkrankt im Bett. Zwei Tage später las man in der Zeitung: «Die Grippe will auch aus unserer Gegend nicht weichen. ... Man wird überall, besonders in Reinach, die Schullokale wieder schließen müssen. In einer einzigen Zigarrenfabrik sind über 20 Personen erkrankt und die Mutmassung, die Zigarrenarbeiter würden von dieser Krankheit verschont, ist jedenfalls unrichtig. ... In Kulm sind ebenfalls einige Neuerkrankungen vorgekommen. Schwierige Fälle sind allerdings nicht darunter.»

Das war nur der Anfang. Zwei Wochen später, am 21. September, musste das Wynentaler Blatt festhalten: «Die Grippe hat in unsern Dörfern, Menziken, Reinach und Burg, in geradezu erschrekendem Maße zugenommen. Zirka 300 Personen dürften es sein, die krank darniederliegen. Bis heute ist glücklicherweise noch kein neuer Todesfall vorgekommen, aber wie uns ein Arzt mitteilt, sind einige sehr schwere Fälle vorhanden. sodaß jeden Augenblich Todesboschaften eintreffen können. Wie uns der Arzt weiter berichtet, nimmt es gerade kräftige und starke Männer sehr bös her, Frauen kommen leichter davon, und die Kinder kommen im allgemeinen überhaupt gut darüber hin. In Reinach scheint die Ansteckung von einer Zigarrenfabrik und in Menziken von der Aluminiumwarenfabrik ausgegangen zu sein. Das betreffende Arbeitspersonal setzt sich aus einigen Dörfern zusammen, und so ist natürlich die Ansteckungsgefahr groß. Wo der unheimliche Gast seinen Einzug hält, ergreift er gewöhnlich nicht nur ein Familienglied, sondern mehrere oder die ganze Familie. In Burg liegt eine ganze Familie darnieder mit Vater, Mutter und sechs Kindern. In Menziken ist u.a. ein Haushalt mit 13 Personen von der Krankheit befallen. Gontenschwil hat zwei Tote zu beklagen. Während am letzten Sonntag ein junger Mann, der an Grippe starb, begraben wurde, mußte vorgestern wieder ein im schönsten Mannesalter Grippekranker sein junges Leben lassen.» Der Zeitungs-Redaktor holte auch zu persönlichen Bermerkungen aus: «Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß man in unserer Gegend den unheimlichen Gast zu harmlos taxiert hat. Eine gewisse Unachtsamkeit und Gleichgültigkeit mag viel zu der großen Verbreitung beigetragen haben. So hat anläßlich der Installation des neuen katholischen Pfarrers in Menziken eine kleine Feier stattgefunden, die man der Grippe halber ganz gut hätte weglassen können. Auf diese Feier hin sind eine große Zahl der Teilnehmenden krank geworden.» Der Redaktor sparte auch nicht mit Kritik an den Behörden, besonders an den kantonalen. Es ist tatsächlich unverständlich, dass die Sanitätsdirektion, die bei der ersten Grippewelle jeweils sehr rasch gehandelt hatte, nun untätig blieb. «Als dieser Tage ein hiesiger Arzt bei der aarg. Sanitätsdirektion vorstellig wurde und um Maßnahmen gegen das Umsichgreifen der Grippe bat, hieß es, der Sanitätsdirektor sei jetzt in den Ferien.»¨Empört fand der Artikel-Verfasser: «Wenn es sich um Leben und Tod der Bevölkerung handelt, so geht man doch gewiß nicht in die Ferien, Herr Sanitätsdirektor!»

Beinwil macht in der Zeitung das Versammlungsverbot bekannt.
Beinwil macht in der Zeitung das Versammlungsverbot bekannt.

Die Sanitätsdirekton hatte zwei Tage zuvor bloss per Kreisschreiben mitgeteilt, eine frühere Verordnung betreffend Massnahmen gegen Krankheiten in der Schule gelte jetzt auch für die Grippe. Das bedeutete nicht Schliessung der Schulen, sondern vermutlich nur, dass Kinder von grippekranken Familien zu Hause bleiben mussten. Schliesslich handelte das Bezirksamt Kulm offenbar in eigener Kompetenz und erklärte anfangs Oktober die Verfügung der Sanitätsdirektion vom Juli «wieder voll und ganz in Kraft.» Erst jetzt waren also Schulen und Kirchen wieder zu schliessen und waren Versammlungen verboten. Eine Gemeindeversammlung sah der Reinacher Gemeinderat zunächst noch vor, verschob sie dann aber «auf unbestimmte Zeit». In Oberkulm hingegen fand um diese Zeit noch eine Gemeindeversammlung statt. Man nahm es nicht überall so genau.

Das unheilvolle Geschehen nahm inzwischen seinen Lauf. In Menziken stand es nicht besser als in Reinach. Der Gemeindeschreiber notierte am 28. September in seinem Protokoll: «Der rätselhafte Fremdling, der ... uns vorübergehend ebenfalls besuchte, aber im Großen und Ganzen verschont ließ, ist zurückgekehrt und scheint nun nachholen zu wollen, was er erstmals versäumt hat. Ueberfallartig ruft er ganze Familien, ganze Dorfteile ins Krankenbett und nimmt daraus seine Opfer. Eine Woche lang ist der Leichenwagen täglich mit den letztern zum Friedhof gefahren.» Im ganzen Bezirk Kulm zählte man schon bis Ende September nicht weniger als 330 Grippefälle. Todesfälle waren allein vom 6. bis zum 12. Oktober neun zu beklagen.

Am 9. Oktober veröffentlichte das Wynentaler Blatt einen Überblick: «Die Grippe holt sich in unserer Gegend ein Opfer um das andere. ... In Burg starb wieder eine Frau. In Zetzwil verschied Frl. Kaspar, eine junge, blühende Tochter. In Kulm erlag der bösen Krankheit Johann Georg Fischbacher, Heinrichs, im Alter von 43 Jahren. ... Nebst einer Witwe hinterläßt der Verstorbene 8 unerzogene Kinder, die um ihren treubesorgten Gatten und Vater trauern ... Dürrenäsch hat ebenfalls viele Kranke. Nachdem letzte Woche Hr. Rudolf Walti, Verwalter der landwirtschaftlichen Genossenschaft, Vater von drei unmündigen Kindern, der Grippe erlag, starb eben wieder ein Jüngling von 24 Jahren. Und noch sind mehrere Personen derart erkrankt, daß man das Schlimmste fürchten muß. In Beinwil starb am letzten Sonntag Herr Eugen Eichenberger. Angestellter der Aluminiumwarenfabrik A.G. in Menziken im Alter von erst 32 Jahren. ... Von Birrwil wird berichtet, daß auch dort die Krankheit bös hause. Todesfälle werden bis heute glücklicherweise nicht gemeldet. In Schöftland hat der böse Gast ebenfalls Einzug gehalten und auch bereits ein Menschenleben gefordert.»

3. Teil

In der Zeitung wurden längst nicht alle Todesopfer mit Namen genannt. Es erschienen aber auch etliche Todesanzeigen und vereinzelte Nachrufe. Es würde in unserem Beitrag zu weit führen, alles detailliert aufzuführen. Wir beschränken uns auf ein paar Hinweise: Bei der ohne Namen erwähnten Frau auf der Burg handelte es sich um die erste Ehefrau des renommierten Zigarrenfabrikanten Rudolf Burger. Kurz nach ihr starb auch ihre Dienstmagd. Kürzere und längere Würdigungen erfuhren im Laufe des Monats Oktober vor allem Gustav Notter, leitender Angestellter der Aluminiumfabrik in Menziken, Hermann Vogt, Metzger auf der Burg, E. Steiner-Nussbaum, Fabrikant in Birrwil, Adolf Haller, Landwirt im untern Flügelberg, und Arnold Leutwyler, Lehrer in Gontenschwil. Der Nachruf auf Hermann Vogt macht deutlich, dass niemand vor der todbringenden Krankheit sicher war. «Wieder hat Burg ein Opfer der unheimlichen Grippe zu beklagen. Und diesmal ist es ein Mann, wie eine Eiche, strotzend von Gesundheit und Kraft. Aber wie schnell sind diese gebrochen. Nach einem zehntägigen Krankenlager hatte die Grippe diese Kraftnatur gebrochen.»

Massnahmen von Gemeinden und Privaten

Wichtig im Umgang mit der Grippe waren die Bemühungen vor Ort. Behörden, Vereine und Einzelpersonen mühten sich mit grossem Einsatz zu helfen, wo es möglich war, und suchten nach Auswegen für die Nebenwirkungen der Seuche. In Reinach spielte der Samariterverein eine entscheidende Rolle. Seine Pflegerinnen standen für die Betreuung der Kranken bereit, auch in Menziken und Beinwil, die am Verein beteiligt waren. Für die auflaufenden Kosten der Krankenpflege kamen im Fall von unbemittelten Grippepatienten die Gemeinden auf. Noch im Laufe des Monats Oktober kaufte der Verein einen Krankentransportwagen und platzierte ihn im Zentralschulhaus. Dort stand das «schön und bequem ausgestattete Vehikel» den Einwohnern «samt Bedienung» zur Verfügung. Bei Bedarf konnte man sich in der Papeterie Heiz gegenüber dem Schulhaus oder beim Präsidenten des Vereins, Wilhelm Graf, melden. Geldspenden hatten die Anschaffung des Wagens erleichtert. Der Menziker Gemeinderat stellte einmal fest: «Es lohnt sich, daß im oberen Wynental das Samariterwesen einigermassen ausgebaut wurde.» Es brauchte Mut, Grippekranke zu betreuen. Die Pflegerinnen waren sich bewusst, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzten. Sicher steckte sich manche von ihnen an, und einige büssten ihren Einsatz mit dem Tod. So verschied in Menziken «die hoffnungsvolle junge Tochter Emilie Rohr, die den Tod in treuer Pflichterfüllung als Krankenwärterin geholt hatte.»

Als sich die Grippefälle im Laufe des Monats Oktober immer stärker häuften, richteten die Gemeinden Notspitäler ein. Das vereinfachte die Pflege und entlastete betroffene Familien. Als Lokal dienten überall die Schulhäuser, in denen ja ohnehin kein Unterricht stattfand. Unsere Zeitung erwähnt Notspitäler in Reinach, Beinwil, Menziken, Unterkulm und Gränichen. Auch in Gontenschwil war eines geplant; da sich die Bevölkerung aber ablehnend einstellte, sah man davon ab. Man intensivierte dafür die private Krankenpflege. Leute, die einen Samariterkurs absolviert hatten, waren dazu vorhanden. In Reinach, wo man das alte Schulhaus im Unterdorf umfunktioniert hatte, bezog man die nötigen Betten bei der Kasernenverwaltung in Aarau.

Der Aufenthalt im Notspital war in diesem Dorf obligatorisch für Kranke, die zu Hause von den Mitbewohnern zu wenig abgesondert werden konnten. Im übrigen musste in Reinach jeder Grippefall dem Gemeindeammann angezeigt werden, und es war stets ein Arzt beizuziehen. In Menziken richtete eine vom Gemeinderat bestellte Kommission in den Räumlichkeiten der Bezirksschule vier «Notkrankenstuben» ein. In Beinwil wurden die Einwohner «um Bettwäsche, einige Nachttischli und andere der Krankenpflege dienende Gegenstände» als Leihgabe oder Geschenk gebeten. Auch wurden dort alle Personen, die sich zur Pflege eigneten und abkömmlich waren, zur Mitwirkung aufgerufen. In den andern Gemeinden verhielt es sich wohl ähnlich.
Aufruf in Reinach zur Benutzung des Notspitals oder des Krankenasyls
Aufruf in Reinach zur Benutzung des Notspitals oder des Krankenasyls

Natürlich stand den von der Grippe Betroffenen auch das Krankenasyl in Menziken zur Verfügung, und viele wurden dort gepflegt. Aber alle hätten niemals Platz gehabt. In einem späteren Jahresrückblick war zu lesen: «Von den 334 Kranken waren 144 von Grippe befallen. Davon konnten 125 geheilt entlassen werden.» Mit andern Worten: 19 Grippepatienten starben. – Aus einer erhaltenen Patientenliste geht hervor, dass das Menziker Spital auch grippekranke Militärangehörige aus allen Landesteilen aufnahm.

Die Pflege der Kranken war die dringendste Aufgabe, aber nicht die einzige. In Menziken schlossen sich «einige gemeinnützige Frauen und Töchter» zusammen und riefen eine Kochstelle ins Leben, um für Familien zu sorgen, wo infolge der Grippe niemand kochen konnte. Sie erliessen im «Wynentaler» einen Aufruf, man möge sie unterstützen, sei es durch tätige Mithilfe oder durch Spenden von Obst, Gemüse oder Bargeld. Naturalgaben nahm die Waag-Wirtin, Frau Weber, in Empfang, und für ihre Arbeit konnten die hilfsbereiten Frauen das Lokal der Kochschule im Gemeindehaus benutzen. Die Leitung übernahmen Vorstandsfrauen der Koch- und Haushaltungsschule. Die Gemeinde war bereit, für ungedeckte Kosten aufzukommen, insbesondere für Brennmaterial und für den Sanitätsmann, der die gekochten Speisen in die Wohnungen der Betroffenen brachte.

Ein zusätzliches Problem war die finanzielle Not ärmerer Grippekranker, die nun keinem Verdienst nachgehen konnten. Zur Abhilfe wurden Sammlungen veranstaltet. Überliefert ist es aus Gontenschwil, wo Pfarrer Buhofer Anmeldungen von Spenden entgegennahm. Erwünscht waren neben Lebensmitteln auch Wäschestücke.

Ausser den Kranken waren auch die aus den Schulen verbannten Kinder ein Problem. Da eine rasche Wiederaufnahme des Unterrichts immer unwahrscheinlicher war, machten sich Lehrer und Schulpflegen Sorgen. In Reinach und Menziken kamen sie auf den Gedanken, zumindest die Schüler der oberen Klasssen mit Hausaufgaben zu beschäftigen, «damit sie das im Sommer Gelernte nicht ganz vergassen». Überliefert ist, wie die Lehrer der Mädchenbezirksschule in Menziken dabei vorgingen. Sie hatten im Sinn, die Schülerinnen Arbeiten in den Hauptfächern schreiben zu lassen, die sie nach einer bestimtmen Frist den Lehrern zur Korrektur abzliefern hatten. An einem Montag Ende Oktober stellte der Rektor je einer Schülerin in den verschiedenen Herkunftsorten die Aufgaben zu. Er wählte zentral wohnende, möglichst leicht erreichbare Mädchen. Diese hatten die Aufgaben mit den nötigen Informationen an ihre Kameradinnen im Ort weiterzuleiten. So ging der Rektor für Reinach (mit Pfeffikon zusammen), Beinwil, Leimbach und Gontenschwil vor. Für die Schülerinnen in Menziken und Burg schlug er die Aufgaben am Schwarzen Brett an. Informiert wurden die Schülerinnen über das Vorhaben im Wynentaler Blatt. Über den Erfolg der Aktion ist leider nichts bekannt.

Wenig später organisierte auch die Gontenschwiler Schulpflege, «dem Beispiel anderer Gemeinden folgend», einen «schrifltichen Hausaufgabenunterricht». Sie begründete es damit, dass die Grippe eher noch zunehme und an keinen normalen Unterricht vor Neujahr zu denken sei. Wahrscheinlich schloss man sich dem Beispiel der Nachbargemeinden auch auf der Burg an.

Es waren durchaus auch andere Anstrengungen zu verzeichnen, aus der miesen Lage das Beste zu machen. Natürlich sind nicht alle aktenkundig geworden. Erwähnenswert ist die Massnahme einer Tabakfirma. Die Fabriken wurden ja nicht geschlossen, hatten lediglich Vorschriften gegen das Umsichgreifen der Seuche zu beachten. Grippekranke und ihre Angehörigen waren tunlichst von der Fabrik fernzuhalten. Damit verloren betroffene Arbeiter ihren Verdienst. Um das zu vermeiden, begab sich mancher unerlaubter Weise trotzdem zur Arbeit. In der Firma Weber Söhne in Menziken fand man ein Gegenmittel. Man hielt sich streng an die Vorschrift, bezahlte aber den zu Hause bleibenden Arbeitern 50 bis 80% ihres üblichen Lohnes. Zweiflern an dieser Massnahme entgegnete ein Direktor der Firma, das Vorgehen sei sehr zu empfehlen. Mit Ausnahme eines einzigen Falles seien unter ihrer Arbeiterschaft keine Grippefälle zu verzeichnen, bei denen die Ansteckung auf den Verkehr in der Fabrik zurückzuführen sei.

   Quellen


Zeitungen: Wynentaler Blatt vom Juni 1918 bis April 1919
Gemeinderatsprotokolle von Reinach, Menziken und Burg
Die detaillierten Quellenanangaben sind beim Verfasser vorhanden.