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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Zum Gemeindewappen von Menziken - vom Spritzenmannli zu Ritter Menzo

   Autor: Christian Märki download PDF (969KB)  

1. Teil

Die Ursprünge des Wappens von Menziken liegen nicht so offen zu Tage wie bei anderen Gemeindewappen. Anders als bei anderen Gemeinden wie z.B. der Nachbargemeinde Reinach, deren Wappen von einem Adelsgeschlecht abgeleitet werden kann und vielfach belegt ist, kann das Gemeindewappen von Menziken nicht ohne weiteres zugeordnet werden. Das Menziker Wappen wurde auch nicht völlig neu geschaffen, wie dies bei einer Vielzahl der Gemeinden in der Schweiz u.a. im Hinblick auf die Landesausstellung 1939 geschehen ist.

Nachfolgend soll dem Weg des Menziker Wappens durch die Zeiten und seinen Wandlungen nachgegangen werden. Woher kommt die Wappenfigur? Weshalb ist die sog. Tingierung, die Farbgebung des Wappens, so, wie sie ist? Warum ist die Wappenfigur als Ritter gepanzert?

Wie aufzuzeigen sein wird, reichen die Wurzeln des Menziker Wappens weiter zurück, als gemeinhin angenommen wird.

Als Ausgangspunkt der Betrachtung soll der heutige Menziker Wappenschild dienen.

Das Wappen heute

Die Blasonierung, d.h. Umschreibung des Wappens lautet heute wie folgt: In Rot auf grünem Dreiberg Krieger in weisser Rüstung, den Kopf nach links gedreht, in der Rechten weisser Speer mit gelbem Schaft, in der Linken fünfstrahligen gelben Stern haltend.
Populär ist die Bezeichnung des dargestellten Kriegers als "Ritter Menzo". Der Gemeindenamen Menziken stammt vom alemannischen "Manzinchouen" (erste urkundliche Erwähnung 1045) ab, was "bei den Höfen des Manzo oder Menzo" bedeutet. Es liegt daher nahe, den geharnischten Krieger im Wappen als Menzo zu bezeichnen. Diese schöne Erklärung war bei der Entstehung des Gemeindewappens sicher ohne jede Bedeutung und ist ohne Zweifel erst im Nachhinein zustande gekommen. Als das Menziker Wappen entstand, waren die etymologischen Hintergründe des Ortsnamens und die frühe Siedlungsgeschichte gänzlich unbekannt.

 

Der Ursprung – das "Spritzenmannli" von 1780


Türchen des Menziker Spritzenhauses 1780
Türchen des Menziker Spritzenhauses 1780
In der Jahresschrift 1947 des Wynetnaler Blattes wurde im Zusammenhang mit dem Menziker Wappen auf das sog. "Spritzenmannli" hingewiesen: "Eine Anlehnung an dieses Wappen zeigt ein Schild, gemalt auf einem Holztürchen des wohl ältesten Spritzenhauses von Menziken, das Spritzenmannli. Es trägt die Kleidung der damaligen Zeit, in der Rechten statt der Hellebarde einen Feuerspiess, in der Linken eine Laterne. Über dem gemalten Schild steht in der Schrift der damaligen Zeit - Gemeind Mentzikon 1780 –". Weil die Abbildung auf einem Türchen des Feuerwehrlokals aufgemalt war, wurden die Lanze als Feuerspiess und der Stern als Laterne gedeutet und das Ganze als Ableitung des eigentlichen Wappens gedeutet. "Ursache und Wirkung" sind jedoch gerade umgekehrt.

Ohne weiteres können "die Laterne" auch als Stern und der "Feuerspiess" als Lanze gedeutet werden, womit das heutige Menziker Wappen mit den Elementen Figur, Speer und Stern komplett ist.

Interessanterweise fand sich in Reinach ebenfalls ein Türchen des ehemaligen Spritzenhauses mit gemaltem Wappen und Text. Auf dem Türladen war das Gemeindewappen von Reinach in der damaligen Form in einer Kartusche aufgemalt; darüber findet sich der Schriftzug "17 Gemein Rinach 77". Leider ist diese Wappendarstellung beim Brand des Schneggli ein Raub der Flammen geworden. Die beiden Darstellungen stimmen weitgehend überein: in beiden Fällen ist die Wappendarstellung in ein Oval eingefügt, welches mit ähnlichen Kartuschen verziert ist. In beiden Fällen findet sich der Schriftzug mit Gemeindenahmen und Jahreszahl über dem Wappenoval. In Art und Ausführung sind sich die beiden Darstellungen sehr ähnlich.
Tür des Reinacher Spritzenhauses 1777
Tür des Reinacher Spritzenhauses 1777

Nachdem das Türchen aus Reinach zweifelsohne das Reinacher Wappen mit entsprechendem Schriftzug trägt, liegt der Schluss nahe, dass das Menziker Pendant unter dem Schriftzug ebenfalls das damalige Gemeindewappen darstellt und es sich beim Spritzenmannli somit um die älteste Darstellung des Gemeindewappens handelt. Diese Betrachtungsweise erscheint umso plausibler, wenn man das Menziker Wappenbild abstrahiert und sich ohne Zierrat und Beifügungen denkt: dargestellt ist ein Mann mit Stab und Stern.

Merkwürdig ist, dass auf das "Spritzenmannli" als älteste Wappendarstellung bei den bisherigen Abhandlungen über das Menziker Wappen nicht Bezug genommen wurde.

Das Wappen im 19. Jahrhundert

Das Siegel der Gemeinde Menziken, welches nach der Gründung des Kantons angefertigt wurde, zeigt einen Mann mit Federhut, heraldisch nach rechts gerichtet, der in den erhobenen Händen je einen Stern hält. Der Stab oder Speer ist weggefallen. Aufgrund der waagrechten Schraffur des Wappenfeldes kann davon ausgegangen werden, dass die Farbe blau war. Im Siegel von 1872 ist der Stern in der rechten Hand wieder ersetzt durch einen Speer, womit eine Annäherung an die Vorlage des Spritzenmannli erfolgte. Ob eine bewusste Rückkehr zur älteren Darstellung beabsichtigt war, muss offenbleiben. Die Ähnlichkeit der beiden Darstellungen ist jedenfalls so frappant, dass man nicht an einen Zufall glauben mag. Der Wappenschild scheint auch hier blau gewesen zu sein. Das Wappen, das als Glasmalerei in der Kirche Menziken angebracht ist, zeigt erstmals einen Ritter im Harnisch mit Lanze und Stern. Der Lanzenträger trägt noch kein Schwert, dafür einen Bart. Der linke Arm ist herrisch in die Hüfte gestützt und kann den Stern daher nicht halten. Einzigartig ist die Farbgebung des Wappens mit einem goldenen Hintergrund. Im 19. Jahrhundert kommt das Wappen somit uneinheitlich daher, und zwar, was Wappeninhalt und Farben angeht.

Prägestempel um 1820 / Siegel um 1872 / Wappen in der Kirche ca. 1895
Prägestempel um 1820 / Siegel um 1872 / Wappen in der Kirche ca. 1895

2. Teil

Der Kriegsgott Mars in rot-grün-weiss

Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde mit dem Bau des Gemeindehauses die Klärung der Wappenfrage dringlich. Der Gemeinderat hatte über die künftige Darstellung des Wappens, welche die Neubauten zieren sollte, zu befinden (Auszug aus dem Protokoll des Gemeinderates Menziken, Sitzung vom 3. April 1903):

"Herr Viceammann Weber teilt mit, die Baukommission befasse sich gegenwärtig mit der Frage bezüglich dem am neuen Gemeindehaus anzubringenden Wappen. Die in der Gemeinde auf Schilden, Bauten, Siegeln, etc. vorhandenen Wappen weichen wesentlich voneinander ab, und es wäre am Platze, einmal ein einziges Wappen zu wählen und für die Zukunft an demselben festzuhalten.

Dasjenige in der Kirche habe Herr Kupferstecher Burger gemacht. Alle Bilder enthalten einen Mann. Es komme dies davon weil seinerzeit Merz das Hauptgeschlecht war, und dieses Wort vom Monat März, sowie dieses hinwiederum vom Kriegsgott Mars abstamme. Die einen enthalten dieser Abstammung gemäss einen gewappneten Krieger, die anderen einen Bauern in blauer Bluse und ein oder zwei Sterne usw. (…) Herr Oberrichter Merz-Diebold der in dieser Sache um Auskunftgabe angegangen wurde, hat 3 Zeichnungen eingesandt und empfiehlt als Wappen für die Zukunft den auf dem Dreiberg stehenden geharnischten Krieger mit dem Speer. Das Bild ist in der Linienführung sehr einfach, kann in Stein gut eingehauen werde, und die Gefahr der Verunstaltung ist deshalb weniger gross. Der Gemeinderat entschliesst sich aus diesem Grund zu dieser Pause. Auch bezüglich der Farben wird dem Vorschlag des Herrn Merz zugestimmt und der Zusammenstellung von rot, grün, weiss & gelb gegenüber der bisherigen Vorzug gegeben. (…)

Die Erklärung zur Herkunft des Wappens im Gemeinderatsprotokoll entbehrt jeder Grundlage. Die Verbindung des Familiennamens Merz mit dem Kriegsgott Mars ist reine Fantasie und die Herleitung des Panzerritters im Wappen vom Kriegsgott der alten Römer erscheint als absurd. Aber auch falsche Erklärungen können ihre Wirkung haben. Es ist einigermassen wahrscheinlich, dass die vom Gemeinderat aufgeführte Ableitung der Wappenfigur als Kriegsgott Mars bereits länger umging und zum Wandel des Landmanns in den Ritter führte. Die martialische Deutung führte zu einer regelrechten Aufrüstung: Die Lanze wurde zur Hellebarde, als weitere Bewaffnung führte der Kämpfer neu auch ein Schwert.
 

Der Gemeinderat folgte bei der Konkretisierung des Wappens den Empfehlungen des renommierten Heraldikers und Historikers Oberrichter Walther Merz (1868-1938). Bei der gewählten "Pause" dürfte es sich um die Darstellung gehandelt haben, welche 1915 im Werk von Merz über die Wappen des Kantons Aargau enthalten ist. Seit 1903 sind die Farben des Menziker Wappens rot (Hintergrund), grün (Dreiberg), weiss (Ritter) und gelb (Sterne).

Die damalige Blasonierung lautete: Menziken führt im Schilde einen geharnischten und mit einer Halbarte bewehrten Mann, auf grünem Dreiberg stehend, in rot, zu Seiten des Kopfes zwei gelbe Sterne. Das Wappen weist somit wiederum, wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zwei Sterne auf. Ob der zweite Stern aus Symmetriegründen aufgenommen wurde, muss offenbleiben.

Im Innern des Gemeindehauses wurde im Treppenhaus eine imposante Glasmalerei mit dem Menziker Wappen im Zentrum angebracht (Ausführung durch H. Huber-Stutz, Zürich, im Jahre 1903). An der Fassade prangt im Giebel eine in schöner Steinmetzarbeit ausgeführte Darstellung der kriegerischen Wappenfigur, wobei die Sterne weggelassen wurden. Entsprechend dem Zeitgeschmack wurde der Kriegsknecht im Wappen sehr realistisch dargestellt. Vom heraldischen Ideal der Stilisierung, die auf eine Wirkung auf grosse Distanz abzielt, wurde zugunsten einer naturalistischen Darstellung abgerückt.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind die Wappendarstellungen geprägt durch den Gemeinderatsbeschluss von 1903, wobei die künstlerische Gestaltung und auch der Zeitgeschmack eine Bandbreite von Darstellungen bewirken. Die Reihe der naturalistischen Wappenzeichnungen bricht ab mit der Wappendarstellung in der Jubiläumsurkunde von 1953, welche sich durch eine Rückkehr zu den heraldischen Regeln auszeichnet: Vereinfachung, Stilisierung, Wirkung auf Distanz. Die Darstellung des Ritters mit der Betonung der Segmentierung der Panzerung wirkt wie eine Vorwegnahme der von Paul Boesch geschaffenen aktuellen Fassung.

Glasmalerei im Treppenhaus, Fassade (Gemeindehaus 1903)
Glasmalerei im Treppenhaus, Fassade (Gemeindehaus 1903)

Die Neufassung von 1956 – zurück zu den Ursprüngen

Im Jahre 1956 erfolgte mit Hilfe der Kantonalen Wappenkommission, welche von 1945 bis 1966 bestand, eine Bereinigung des Wappens. Der bekannte Grafiker und Illustrator Paul Boesch (1889 – 1969) führte das Menziker Wappen auf die heraldischen Grundlagen zurück. Die Darstellung wurde stark vereinfacht und stilisiert. Der zweite Stern verschwand aus dem Wappen und der verbleibende Stern kehrte in die Hand des Ritters zurück.

1906 Rechnung und Bericht der Baukommission / 1947 Jahresschrift des Wynentaler Blattes / Jubiläumsurkunde 1953
1906 Rechnung und Bericht der Baukommission / 1947 Jahresschrift des Wynentaler Blattes / Jubiläumsurkunde 1953

Fazit

Eine Gegenüberstellung der wohl ältesten Darstellung des Menziker Gemeindewappens aus dem Jahre 1780 mit dem Gemeinderatssiegel von 1872 und der aktuellen Fassung zeigt eine grosse Konstanz. Die Elemente sind die gleichen: ein Mann mit Speer und Stern. Auch wenn der Speer- und Sternenträger vom einfachen Landmann zum geharnischten Ritter geworden ist, der Kern ist seit 250 Jahren gleich.
Feststehen dürfte, dass sich der Landmann Ende des 19. Jahrhunderts aufgrund der falschen Deutung als Mars in einen Krieger wandelte. Die Farbgebung des Wappens erfolgte 1903 durch den Gemeinderat.

Die übrigen Wandlungen des Wappens im Laufe der Zeit sind von untergeordneter Bedeutung und dem Zeitgeschmack und künstlerischer Freiheit geschuldet.

ca. 1780 / ca. 1870 / seit 1956
ca. 1780 / ca. 1870 / seit 1956

   Literatur


Joseph Melchior Galliker / Marcel Giger: Gemeindewappen Kanton Aargau, Lehrmittelverlag des Kantons Aargau 2004
Beat Zehnder: Die Gemeindenamen des Kantons Aargau, in Argovia, Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, Bd. 100/II, Aarau 1991
Walther Merz: Die Wappen des Kantons Aargau, Sauerländer Verlag Aarau 1915
Ernst Alfred Stückelberg: Das Wappen in Kunst und Gewerbe, 2. Aufl. Veit & Co. Leipzig 1906
Dr. Max Merz – Auer, Aus der Dorfgeschichte von Menziken, Jahresschrift des Wynentaler Blattes 1947.
Pfr. Franz Vollenweider, Auf der Suche nach dem Menziker Wappen, Wynentaler Blatt 1956
Jahresschrift der Historischen Vereinigung Wynental 1931/32