Historische Vereinigung Wynental

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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Eine Kulturgrenze quer durch das Wynental

   Autor: Christian Märki download PDF (493KB)  

1. Teil
Hie Schaufeln, da Schilten!
Hie Rosen, da Herz!


Mit der eidgenössischen Eroberung des Aargaus im Jahre 1415 wurde der einigermassen geschlossene habsburgische Machtbereich im Mitteland zerrissen. Bern, Zürich, Luzern erweiterten ihr Territorium, die Grafschaft Baden und die freien Ämter wurden zu Gemeinen Herrschaften. Auch mitten durch das Wynental wurde eine Grenze gezogen.

Im Jubiläumsjahr 2015 setzte sich eine Ausstellung im Schneggli in Reinach und im Schlossmuseum Beromünster mit der Vorgeschichte und den Folgen der Eroberung auseinander. Unter dem Titel "der Rüebligraben, Blicke auf eine Grenze" wurde den Unterscheiden dies- und jenseits der 1415 entstandenen Grenze nachgegangen. Die 1415 künstlich und unglücklich gezogene Grenze war vorerst nur politische und Herrschaftsgrenze, wurde dann zur Konfessionsgrenze, später Industrialisierungsgrenze, Mentalitätsgrenze.

Zwischen 1584 und 1700 lief quer durch das Wynental zusätzlich eine Datumsgrenze, nachdem es das reformierte Bern während über hundert Jahren hartnäckig abgelehnt hatte, den verbesserten Gregorianischen - katholischen - Kalender einzuführen.

Ein weiterer Aspekt der Grenze soll hier dargestellt werde. Die 1415 quer durch das Wynental gezogene Grenze scheidet das Gebiet der französischen und deutschweizerischen Jasskarten. Während im Luzernischen – wie auch im Rest der Innerschweiz sowie der Ostschweiz mit Ausnahme des Bündnerlandes und einiger Dörfer im Bodenseeraum Eichel, Schellen, Rosen und Schilten Trumpf sind, kommen nördlich der Kantonsgrenze Kreuz, Schaufel, Herz und Ecken zum Stich.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Gründen, aus welchen dies- und jenseits der Grenze mit andern Karten gespielt wird. Die erste Voraussetzung, nämlich dass es überhaupt unterschiedliche Karten gibt, wird im ersten Abschnitt beleuchtet. In einem zweiten Teil wird dann auf die "Kulturgrenze quer durchs Wynental" eingegangen.

Ecken-König / Roi de carreau, französische Spielkarte um 1780, Holzschnitt mit Schablonenkolorit (Privatbesitz). Ob mit dieser Karte in einer Taverne gespielt wurde?
Ecken-König / Roi de carreau, französische Spielkarte um 1780, Holzschnitt mit Schablonenkolorit (Privatbesitz). Ob mit dieser Karte in einer Taverne gespielt wurde?

Die Farben

Die Ursprünge des Kartenspiels liegen im Dunkeln. Ob die Kartenspiele im Orient entstanden und über Italien und Spanien nach Europa gelangten, ist umstritten. Auf den orientalischen Ursprung des Kartenspiels könnte hindeuten, dass die Karten in Spanien "naipes" und in Italien "naibi" genannt werden, was sich möglicherweise vom mameluckischen "na'ib" für Heerführer, Kommandant ableitet und ein Kartenbild bezeichnete. Feststehen dürfte, dass die spanisch-italienischen Farben die ältesten sind, aus welchen sich die deutschen und die französischen Farben entwickelt haben. Die Verwandtschaft und die Entwicklung der deutschen, französischen und deutsch-schweizerischen Kartenbilder aus den Italienisch-spanischen Karten ergeben sich aus der untenstehenden Übersicht.

 

Die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Farbbildern sind deutlich erkennbar. Entwicklungen und Verwandtschaften werden besonders deutlich am italienischen Farbenbild des Schwertes, welches sich direkt zu Eicheln weiterentwickelte, und am Farbenbild des Stabes (Astes), von dem gewissermassen ein Teil, die Blätter in die deutschen Farben überging. Auch der Zusammenhang der Münzen mit den Schellen geht aus der Form eindeutig hervor. Am meisten unterscheiden sich Herz und Becher, doch gab es von letzteren so viele verschiedene Formen, dass eine Umwandlung nicht allzu fern lag, als eine Vereinfachung der Farbzeichen angestrebt wurde. Eine Übereinstimmung ergibt sich auch aus der Bemalung: Becher und Denare waren ursprünglich gelb, später rot angemalt, Herz und Schellen erhielten ebenfalls ein rotes Kolorit. Die Stücke waren grün, was sich auif das Laub übertrug. Die blauen Schwerter mit gelbem Griff wurden zu grün-roten Eicheln. All das macht wahrscheinlich, dass sich die deutschen Farben aus den italienisch-spanischen entwickelt haben.

Eine direkte Ableitung der französischen Farbzeichen von den italienisch-spanischen ist unmöglich, wird jedoch plausibel, wenn die deutschen Farben als Bindeglied und Zwischenstufe eingeschaltet werden. Aus der Eichel kann das Dreiblatt/kreuz, aus dem Laubblatt die Schaufel abgeleitet werden, von der Schelle blieb vorerst nur der untere Teil als Halbmond, an dessen Stelle jedoch bald die Ecken traten. Nicht so klar ist die Sache bei Herz, das möglicherweise ursprünglich französisch war und später in das deutsche Blatt übernommen wurde. Diese Veränderungen sind erklärlich mit dem Umstand, dass die Kartenfabrikation in Frankreich nicht wie in Deutschland und Italien mit Holzschnittdruck hergestellt wurden, sondern mittels Durchpinseln von Schablonen erfolgte, was einfache, klare Farben verlangte. Die französischen Farben wurden daher auch als "eine aus dem Wunsche der Vereinfachung hervorgegangene Abzweigung des deutschen Spiels" bezeichnet.

Anzumerken ist, dass es neben den Außer den noch heute bekannten italienischen (Denari, Coppe, Spade, Bastoni), deutschen (Eicheln, Schellen, Herz, Blatt), deutschschweizerischen (Eicheln, Schellen, Schilten, Rosen) und französischen Farbzeichen (trèfle, pique, coeur, carreau; Kreuz, Schaufeln, Herz und Ecken) es im 15. und 16.Jahrhundert noch zahlreiche andere gab, welche sich nicht durchsetzen konnten. Es kamen Federn und Hüte, Hunde, Löwen, Vögel und Einhörner und viele weitere Bilder vor. Heute sind die Farben die folgenden:

 

2. Teil

Die Figuren

Zu den Farben gehören die Figuren. Die älteste Beschreibung des Kartenspiels, welche der Dominikanermönch Johann von Rheinfelden im Jahre 1377 verfasste, beschreibt das Kartenspiel folgendermassen:

"Das Spiel umfasst vier Könige, von denen jeder ein bestimmtes Zeichen in der Hand hält: zu jedem König gehören zwei Marschalchi, wovon der eine sein Zeichen erhoben (Ober),der andere hängend (Unter) in der Hand hält, sowie je zehn Zählkarten. Insgesamt besitzt das Spiel 52 Karten. Diese Art wird als gebräuchliche Form des Kartenspiels bezeichnet und zugleich als diejenige, unter der es zu uns gekommen sei. Sodann seien einige, welche das Spiel mit Königinnen machten, mit gleichviel Karten. Wieder andere gesellten zwei Könige mit ihren Dienern zu zwei Königinnen mit Mägden, andere spielten mit fünf oder sogar sechs Königen, alle mit ihren zugehörigen Karten. Schließlich seien solche, die das Spiel machten mit vier Königen, acht Dienern nebst den üblichen Zählkarten, so dass jeder König von seiner ganzen Familie und seinem ganzen Reich umgeben sei, dazu fügten sie noch vier Königinnen mit vier Mägden, was eine Gesamtzahl von 60 Karten ergibt."

Die noch heute gängigen Figuren sind offenbar von Anfang an vorhanden gewesen. Heute bestehen auch in Bezug auf die Figurenkarten zwischen den verschiedenen Blättern Unterschiede. Offenbar erfuhren die Blätter im Laufe der Zeit Vereinfachungen und Verringerung der Figuren. Im italienisch-spanischen Spiel hatte jede Farbe vier Figuren (König, Dame, Ober, Unter). Ursprünglich war dies auch beim deutschen Spiel der Fall, bei der Verringerung der Anzahl Karten fiel dann die Dame weg, so dass nur König, Ober und Unter blieben. Im französischen Blatt fiel statt dessen der Unter weg; auch hier dürfte eine Rolle gespielt haben, dass der Schablonendruck klare Unterschiede erforderte, was mit der Gegenüberstellung von Dame/Königin und Bube/Bauer besser gelang als bei zwei männlichen Figuren (Ober/Unter).

Geografische Verbreitung in der Schweiz

Die ältesten Schweizer Spielkarten entstammen dem deutschen Farbenkreis. Aufgrund des Umstandes, dass Basel eine Hochburg der Kartenproduktion war, kann der Schluss gezogen werden, dass ursprünglich in der gesamten Schweiz mit deutschen Farben gespielt wurde. Im Verlaufe des 16. Jahrhunderts kamen auch in der Schweiz die französischen Karten in Gebrauch und verdrängten in der Westschweiz, aber auch in Basel und, was besonders bedeutsam war, im mächtigen Bern die deutschen Karten.
 

Schliesslich folgte die Trennlinie zwischen deutschen und französischen Karten den politischen, kulturellen und konfessionellen Grenzen, aber auch der Sprachgrenze.

Richard Weiss hält in seiner Untersuchung über die Brünig-Napf-Reuss-Linie als Kulturgrenze zwischen Ost- und Westschweiz fest:

"An der Verbreitung der französischen und der deutschen Spielkarten zeigt sich überraschend und eindeutig neuerdings der Einfluss des alten bernischen Machtbereichs auf die Einheit des Westraumes. Genau bis zu der vor 150 Jahren verschwundenen bernischen Ostgrenze in der Reussgegend mitten im Kanton Aargau reichen heute die französischen Spielkarten. (….) Bern und Basel gingen zu einem nicht bekannten Zeitpunkt zum französischen Kartenbild über. Die Ostschweiz verharrt fast als einziges deutschsprachiges Gebiet bei den deutschen Spielkarten, die ihr Bild seit dem Mittelalter wenig verändert haben. (…) Obwohl bei der Ausbreitung der verschiedenen Spielkarten die ursprünglichen Triebkräfte vorwiegend staatlicher, jedenfalls nicht kirchlicher Art waren, wird doch auch die an sich neutrale Spielkarte an der konfessionellen Grenze zwischen Bernbiet und Innerschweiz zu einer Demonstration des Glaubens: die französischen Karten werden als ketzerisch und die deutschen als katholisch empfunden."

Die Grenze von 1415 war vorab Herrschafts- und Konfessionsgrenze. Auch Nebensächliches ist gut genug, um der Abgrenzung zu dienen und als Symbol (konfessionell gebundener) landschaftlicher Eigenart empfunden werden. Die unterschiedlichen Jasskarten dies- und jenseits der Grenze gehören in diese Kategorie der Unterschiede.

Manchmal sind die Nebensächlichkeiten und unwichtigen Dinge zäher und langlebiger als die grossen Faktoren: Heute ist die Konfessionsgrenze weitgehend bedeutungslos geworden. Die wirtschaftlichen Unterschiede verwischen sich zusehends. Neben der politischen Grenze ist die Scheidelinie zwischen den verschiedenen Jasskarten noch der einzige Unterschied, der im Alltag von Bedeutung ist.

   Literatur


W.L. Schreiber, Die ältesten Spielkarten und die auf das Kartenspiel Bezug habenden Urkunden des 14. und 15. Jahrhunderts, J.H. Ed. Heitz, Strassburg 1937
Max Ruh, Schaffhauser Spielkarten, Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik Heft 80, Zürich 2005
Peter F. Kopp, Alte Schweizer Spielkarten; Lucas Wüthrich, Spielkarten des 16. Jahrhunderts im Schweizerischen Landesmuseum, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 30 (1973)
Richard Weiss, Die Brünig-Napf-Reuss-Linie als Kulturgrenze zwischen Ost- und Westschweiz auf volkskundlichen Karten, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, Band 58 (1962)
Hans Ruedi Weber, Der Rüebligraben, Blicke auf eine Grenze, hgg. Verein Schloss Beromünster/Vereinigung Schneggli, Reinach, Luzern 2015
Peter Steiner, Das Wynental wird eidgenössisch, Monatsbeitrag HVW März/April 2015
Raoul Richner, Die Datumsgrenze durch das Wynental, Monatsbeitrag HVW August 2007