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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Sparsuppe

   Autor: Peter Steiner download PDF (616KB)  

1. Teil

Im vorangehenden Monatsbeitrag haben wir von der katastrophalen Missernte von 1816 und ihren Folgen – Teuerung und Hungersnot – gelesen. Wir wolllen uns hier mit den Nöten und den Massnahmen der Behörden, sie zu bewältigen, genauer befassen.

Grosse Not

Zu Beginn unserer Darstellung ein Preisvergleich! Aus Aarau ist überliefert, dass man im Januar 1816 auf dem Markt für 1 Pfund Ruchbrot 10 Rp, im Februar 20 Rp. und im März 30 Rp. bezahlte. Noch krasser wirken Angaben aus einer privaten Reinacher Chronik. Statt normal etwa 16 Fr. kostete 1 Malter Korn nun 90 Fr. und 1 Pfund Rindfleisch statt 30 Rp. ganze 4 Fr. Arme mussten sich in dieser Situation völlig hilflos fühlen.

Ein Licht auf die Situation wirft ein Hilfegesuch der Gemeinde Burg an die kantonale Armenkommission vom 16.Dezember 1816. «Das immer bedenklicher werden der Zeiten für Arme bewegt uns, Ihnen ... eine kurze Darstellung unserer Lage vorzulegen», schreibt der Gemeinderat einleitend. Im Dorf seien nach vielen Wegzügen noch 58 Familien verblieben. 6 davon mit 32 Personen müssten völlig auf Gemeindekosten unterhalten werden. 25 weitere hätten nicht genügend Lebensmittel für die Zeit bis Ende März, seien beinahe ohne Verdienst und fielen der Gemeine ebenfalls zur Last. 22 könnten sich mit Hilfe ihres kleinen Verdienstes einigermssen durchbringen, aber nur gerade fünf könnten «etwas entbehren oder verkaufen», wovon aber zwei mit ihrem «Überschuss» kaum die Schuldzinsen bezahlen könnten. Man habe eine Lebensmittelsammlung im Dorf veranstaltet. Obwohl aber etliche Bürger mitgemacht hätten, die selber kaum genug hätten, sei ein Quantum zugekommen, «das den Bedürfnissen des kommenden Frühlings nicht entsprechen kann». Die Gemeinde Burg wies besonders viele Arme auf. Aber die Notlage war überall spürbar.

Die Behörden, im Kanton und erst recht in den Gemeinden, waren gefordert. Sie mussten Massnahmen zugunsten der notleidenden Bevölkerung ergreifen. Dass sie Jagd auf Bettler machten, war reine Symptombekämpfung. Auch Höchstpreisvorschriften bewirkten kaum viel. Doch die Gemeinden ergriffen auch konkrete Massnahmen, um die Leiden der notleidenden Bevölkerung zu lindern. In Reinach liess der Gemeinderat schon im August 1816 den ärmsten Einwohnern zweimal je ein Quantum Mehl zum Brotbacken austeilen. Im November erhielten die Gemeinden dann kantonale Verhaltensregeln. In Reinach – die Quellen sind hier besonders ergiebig – wurde darauf eine Sammlung von Getreide, Erdäpfeln und Gemüse durchgeführt, damit man den Ärmsten wöchentlich oder täglich eine bestimmte Menge zukommen lassen konnte. Auch in den meisten übrigen Gemeinden des Bezirks Kulm wurden Sammlungen, vor allem von Erdäpfeln, veranstaltet, teils auf freiwilliger Basis, teils in Form einer Steuer. In Reinach kam jedoch weitaus die grösste Menge an Kartoffeln zusammen. Eine kantonale Liste führt für das Dorf 379 Viertel an. An zweiter Stelle folgte Dürrenäsch mit 190 Vierteln (1 Viertel = etwa 8 kg).

Die Massnahmen genügten nicht, es bedurffe einer effizienteren Lösung. Retterin in der Not wurde die Sparsuppe. Der Kanton empfahl den Gemeinden am 7.Februar 1817, sie einzuführen, und stellte dabei fest, mehrere Gemeinden hätten das aus eigener Initiative bereits getan. Dazu gehörten Gränichen, das schon seit dem 9.Januar Suppe ausschöpfte, und Birrwil, das den Betrieb am 21. Januar aufgenommen hatte.

Sparsuppen-Betrieb

Die sogenannte Rumfordsche Suppe, meist einfach Sparsuppe genannt, wurde zum Hauptmerkmal der Notzeit. Sie war 1795 von einem Grafen von Rumford für die Soldaten des bayrischen Kurfürsten erfunden worden. Bei uns ging es darum, mit Lebensmitteln, die auf Gemeindekosten angeschafft wurden, im grossen Massstab eine nahrhafte Suppe zu kochen und sie einmal am Tag in Portionen billig oder unentgeltlich den Armen abzugeben. Die Zubereitung musste verstanden sein und war eine zeitraubende Angelegenheit. Die kantonale Armenkommission liess den Gemeinden daher eine gedruckte Anleitung zukommen: «Die Zubereitung der Sparsuppe kann in jedem Kochgefäß von hinlänglicher Größe ... verwendet werden. Die kupfernen Gefäße muß man mit Vorsicht brauchen, die Speise nicht darin stehen zu lassen, sondern sobald die Suppe ausgetheilt ist, muß der allfällige Ueberrest in erdenes Geschirr abgeschüttet werden – in hölzernen wird sie leicht sauer... Das Kochen geschiehet nach Erfahrung auf folgende Weise am beßten: Erbsen, Bohnen, Reis, Haberkernen und Habergrüz werden am Abend sauber gewaschen, mit siedendem Wasser ausgebrüht, die Nacht hindurch zugedeckt gehalten. Morgens 5 Uhr wird das Feuer angemacht. Nimmt man Fleisch zur Suppe, so wird dasselbe rein geschnitten in Kessel gethan, die Knochen klein zerhackt in einem Sack von Beuteltuch hinzugefügt. Gleich nach 6 Uhr kommt alles Gemüs, das Habermehl ausgenommen, mit dem gleichen Wasser, mit dem es den Abend vorher ausgebrüht wurde, ebenfalls in Kessel. Die Erdäpfel, roh beschnitten und zerstückelt, kommen 9½ oder 10 Uhr hinzu. Darauf wird das Habermehl alsgemach eingerührt, daß es keine Knollen gibt ... Um ¼ auf 11 Uhr wird angerichtet und die Suppe ausgetheilt.

Wer Brod darin haben will und kann, schneidet es in sein Becken ein und läßt sich die Suppe darübr gießen. Brod in der Suppe selbst zu kochen, ist zu kostbar. Langsames Kochen und fleißiges Umrühren ist hauptsächlich zu empfehlen. Frühe Beimischung des Salzes ist gut. Lauch, Zwiebeln, Petersilien, Selleri und dergleichen Gewürze werden mit dem Gemüse in Kessel gethan.» – Der Anleitung wurden sechs Rezepte mit wechselndem Gemüse und etwas Fleisch beigefügt, die man in Aarau schon erprobt hatte.
Beispiel eines Sparsuppen-Rezepts
Beispiel eines Sparsuppen-Rezepts

Für das reibungslose Funktionieren des Suppenbetriebs rief die kantonale Regierung zur Bildung einer besonderen Hilfskommission in jedem Bezirk auf. Sie hatte sich unter dem Vorsitz des Ober- oder Bezirksamtmanns aus dem Armeninspektor, dem Bezirksverwalter und den Pfarrern des Bezirks zu bilden. «Diese Kommißion hat ungesäumt in Verrichtung zu treten, den Gemeinderäthen sey es durch die Dazwischenkunft ihrer Pfarrgeistlichen oder unmittelbar durch Einberufung von Ausgeschossenen derselben zur Errichtung von Suppenanstalten die nöthige Anleitung zu geben und für die Unterstützung der hülfsbedürftigen Gemeinden unsrer Armenkommißion zu Unsern Handen angemessene Vorschläge zu machen.» Die kantonale Armenkommission bildete den «Oberbau» der ganzen Organisation.

Während sich zweifellos die meisten künftigen Bezüger und Bezügerinnen darauf freuten, ihren Hunger wenigsens einmal täglich mit einer nahrhaften Suppe stillen zu können, gab sich der Gontenschwiler Peter Giger skeptisch. Er liess verlauten, die geplante Suppe sei nichts wert. Man werde zwar Fleisch darin kochen, aber den guten Teil der Suppe würden nicht die armen Bezüger, sondern andere erhalten. Er jedenfalls würde bessere Suppen kaufen, wenn er sie bezahlen könnte. Der Gemeinderat stellte den vorlauten Bürger dann zur Rede.

Der Suppenbetrieb kam nun rasch in Gang. In unserem Untersuchungsgebiet nahmen ihn die meisten Gemeinden Ende Februar auf, Menziken am 1. und Teufenthal am 7.März. Erst im April folgten Leutwil und Rued. Im weitläufigen Ruedertal liessen sich allerdings nicht alle Siedlungen bedienen. Einzig Leimbach, das wenig Arme hatte, machte gar nicht mit.

2. Teil

Die suppenkochenden Gemeinden wurden vom Kanton organisatorisch und finanziell unterstützt. Er sorgte für Lebensmittel und leistete Beiträge an die Auslagen der Gemeinden. Getreide und weitere Naturalien hielt der Staat zu günstigen Preisen in seinen Magazinen zur Verfügung, auch in den Kornhäusern von Gränichen und Reinach. Den Reis kaufte er über Handelshäuser in Aarau, Basel und Chur aus Italien. Die Subventionen – sie wurden ab März 1817 ausbezahlt, für Gränichen schon im Februar – richteten sich nach den Auslagen in einem abgelaufenen Monat. In der Regel wurde den Gemeinden der vierte Teil ihrer Kosten vergütet. Besonders arme Dörfer erhielten ein Drittel der Aufwendungen zurückerstattet, Burg, die ärmste Gemeinde im Bezirk Kulm, zeitweise sogar die Hälfte. Die Vergütungen wurden teils in Geld, vor allem aber in Reis ausgerichtet, vereinzelt auch in Getreide. Das Pfund Reis wurde zu 30 Rp. gerechnet. Der Reis wurde jeweils sackweise dem Armeninspektor geliefert, Pfarrer Buess in Kulm. Abgeholt in Aarau oder Brugg wurde er vom Gontenschwiler Fuhrmann Johannes Frey, auch Gontenschwiler Bot genannt.

Die Suppenküchen wurden rege benutzt. Gränichen gab schon im Februar täglich 120 bis 130 Portionen aus, die meisten unentgeltlich, jeweils 10 an wohl etwas besser Gestellte zu 5 Rp. Vewendet wurden im Laufe von zwei Wochen stets Erbsen, Erdäpfel und Brot, nur an 5 Tagen auch Bohnen und an 2 Tagen Fleisch. Dazu kamen Butter oder Fett und Salz. An den 3 letzten Tagen wechselte man vom Brot zu Hafermehl. Pro Tag legte die Gemeinde für alle Zutaten rund 5 Fr. aus. – Suhr kochte im März ganz fleischlos. Es hatte bedeutend weniger Suppenbezüger, nämlich zwischen 62 und 76, die gratis bedient wurden, und zwischen 3 und 16, die man bezahlen liess. Die Suppe setzte sich ohne Abwechslung aus Erbsen, Kartoffeln und Hafermehl zusammen.

Für die Dörfer des Bezirks Kulm verfügen wir über zusammenfassende Resultate. Wir betrachten die Zeit bis Mitte März. Da und dort war hier die Suppe etwas vielseitiger. Hauptbestandteil waren fast überall die Kartoffeln, und zwar in deutlich starkerem Masse als in Gränichen und Suhr. Einzig in Birrwil überwog die Gerste, die jedoch in den meistem andern Gemeinden fehlte. Erbsen verwendeten nur vier Dörfer, dafür alle ausser Unterkulm Bohnen. Hafer in irgendeiner Form (Mehl, Kernen, Grütze) kam ausser in Reinach überall in die Suppe. Gontenschwil und Menziken würzten auch mit etwas Pfeffer. Ob man von Tag zu Tag mit der Zusammensetzung etwas wechselte, lässt sich nicht beurteilen, da Tagesresultate fehlen.


Rumfordsche Suppe, hier aus Graupen und getrockneten gelben Erbsen. (Quelle: Wikipedia)
Rumfordsche Suppe, hier aus Graupen und getrockneten gelben Erbsen. (Quelle: Wikipedia)
Etwas genaueren Einblick erhalten wir in den Reinacher Suppenbetrieb. Der Gemeinderat zog hier für die Auswahl der bezugsberechtigten Armen vier weitere Bürger zu. In den zwei Wochen vom 24.Februar bis zum 9.März verbrauchte die Köchin 70 Pfund Bohnen, 29 Pfund Gerste, 490 Pfund Erdäpfel, 98 Pfund Fleisch, 21 Pfund Salz und 48 Pfund Brotmehl. Daraus resultierten 1274 Portionen Suppe – pro Tag 91 – zu ½ Mass oder ca. ¾ Liter, die alle unentgeltlich abgegeben wurden. Die Kosten dafür beliefen sich auf Fr. 84.77. Pro Portion machte das gut 6½ Rp. aus. In der Folge wurde der Suppenbetrieb stark ausgeweitet. Anfangs Mai meldete der Gemeinderat, die Sparsuppe werde von 50 Haushaltungen mit 210 Personen bezogen.

Verantwotlich für den Suppenbetrieb war in jedem Dorf der Gemeinderat. Wo die Suppe gekocht wurde und von wem, ist in den wenigsten Fällen überliefert. In Teufenthal wurde sie von der Frau des Gemeindeammanns in dessen Haus zubereitet.

Eine Übersicht der Kulmer Hilfskommisssion für den Monat April hält gemeindeweise fest, wie viele Suppen-Portionen ausgegeben wurden und was das kostenmässig ausmachte, insgesamt und nach Abzug der bezahlt abgegebenen Suppen (nur in drei Gemeinden). Wir geben die Resultate in absteigender Reihenfolge wieder (ohne Suhrentaler Dörfer).

Gemeinde   Portionen   Kosten total (Fr.)       nach Abzug
Menziken 5419   287.52  
Gontenschwil 5040   230.85  
Beinwil 4954   245.20  
Oberkulm 4694   204.90   166.70
Reinach 4364   498.50  
Kirchrued 3660   157.75  
Dürrenäsch 2895   175.69  
Unterkulm 2682   224.24   218.82
Zetzwil 2460   103.84  
Leutwil 2294   173.55   163.15
Teufenthal 1588   64.15  
Beinwil 1365   94.50  
Schiltwald 951   87.88  
Burg 840   44.40  

Menziken, Gontenschwil und Beinwil hatten am meisten Suppen-Portionen ausgeteilt. Recht anders sah es bei den Kosten aus. Sie waren mit fast 500 Fr. in Reinach mit Abstand am höchsten. Kochte Reinach eine wesentlich nahrhaftere und vielseitigere Suppe als die andern Dörfer? Die Angaben wurden – wie wir auch später hören werden – angezweifelt. Da eine Reinacher Portion jetzt deutlich mehr als 10 Rp. kostete, erhielt die Gemeinde nur rund ein Achtel seiner Auslagen vergütet. Gerügt und mit einem Abzug bestraft wurde aber auch Unterkulm, dessen Suppe man ebenfalls als zu teuer erachtete.

Genug der Zahlen! Wir halten hier einfach fest, dass die Suppenküchen den ganzen Sommer hindurch unvermindert oder in noch wachsendem Umfang fortgeführt wurden. Weiter unten werden wir zusammenfassend zurückblicken. Erwähnt sei jedoch, dass im Mai die heranwachsende neue Frucht zu allem Elend hinzu vereinzelt Hagelschaden erlitt. Die betroffenen Gemeinden – Menziken und Birrwil – erhielten eine erhöhte Vergütung für ihre Sparsuppen.

Kritischer Blick in die Suppenküchen

Im Auftrag der Kulmer Hilfskommnisson inspizierte Pfarrer Häusermann aus Leutwil im Juli 1817 die Suppenküchen in seinem Bezirk. Sein Rapport beginnt sehr persönlich: «.Mühsamer, beschwerlicher und in mancher Rüksicht unangenehmer ware der übernommene Auftrag ... Bey der schwülsten Mittagshize den Berg hinaufklimmend, bald diese, bald jene Küche bersuchend, ware ich beynahe immer durch und durch genezt als in einem Schweißbad mich befindend, und kaum betrat ich mein Dorf, so strömten von allen Seiten träge Müßiggänger und Bettler, auf meinen Beutel Anspruch machend, herzu ...» Häusermanns ganze Einleitung ist auf einen negativen Grundton abgestimmt. Nach seiner Meinung organisierten die Gemeindebehörden den Suppenbetrieb schlecht und machten in den monatlichen Verbrauchstabellen teils übertrieben hohe Angaben, um grössere Vergütungen zu erhalten. Sie seien überhaupt nur auf das eigene Wohl bedacht statt auf das der Armen, fand er. Insbesondere der Leutwiler Gemeindeammann sollte abgesetzt werden. Überhaupt förderten die gut gemeinten Suppenküchen mancherorts nur den Müssigang.

Die Begutachtung der verschiedenen Sparsuppen fiel differenzierter aus. Der Pfarrherr nahm in jedem Dorf eine Kostprobe und wusste auch zu loben. So fand er die Suppe in Dürrenäsch «kräftig und schmakhaft», ähnlich auch die in Leutwil, in Teufenthal und in Menziken. In der Teufentrhaler Suppe hätte er sich immerhin etwas mehr Fett gewünscht. Die Suppe in Rued hielt er für eine der «kraftvollsten und schmakhaftesten». In Oberkulm und Birrwil traf er zu einer ungünstigen Zeit ein, als gerade das Hafermehl ausgegangen war, so dass die Beurteilung schwierig war. In Unterkulm und in Beinwil wünschte er sich mehr Zutaten. Vernichtend war sein Eindruck in Zetzwil, wo er die Suppe «einer schwachen Lauge ähnlich» hielt und wo er hörte, dass allgemein geklagt werde. Keinen guten Faden liess er auch an der Suppenanstalt in Reinach. Die Suppe war dünn und wurde in zu kleinen Portionen abgegeben. Vor allem aber kritisierte der Pfarrer die hier besonders überhöhten Verbrauchsangaben in der mitkontrollierten Tabelle. Die Gemeinde Burg fehlt im Rapport. Der Aufstieg war Häusermann wohl zu beschwerlich, was wir ihm nicht verdenken wollen. Hingegen fragen wir uns, wieso der Herr Pfarrer jeweils im Schweisse seines Angesichts an den Bestimmungsort gelangte. Sein Wohnort Leutwil befindet sich ja in erhöhter Lage. Aufwärts ging es allenfalls auf die Wandfluh und dann erst wieder bei der Heimkehr. Nun, für das so oder so zweifellos mühsame Unternehmen erhielt Häusermann 16 Fr.

3. Teil

Weitere Hilfsmassnahmen

Die Kantonsregierung hatte trotz allen Bemühungen das Gefühl, noch zu wenig zu tun. Am 16.Juni schrieb sie den Armenkommissionen in den Bezirken: «Der Mangel an Lebensmitteln, der täglich sichtbarer wird, und der ungeheure Preis, auf welchem dieselben stehen, hat die Noth und den Jammer unter den Armen im Kanton auf den höchsten Grad gesteigert. Wir sind bereit, alles anzuwenden, was geeignet ist, das Schiksal dieser bedeutenden Volksklaße (wohl mengenmössig gemeint) erträglicher zu machen ... Zu dem Ende ersuchen wir Euch, uns die Mittel vorzuschlagen, die Euch nach Euern Erfahrungen in dieser Beziehung die zwekmäßgsten scheinen ...»

Die Kartoffeln waren damals überlebenswichtig. Dabei kannte man sie in der Schweizer Landwirtschaft erst seit wenigen Jahrzehnten.
Die Kartoffeln waren damals überlebenswichtig. Dabei kannte man sie in der Schweizer Landwirtschaft erst seit wenigen Jahrzehnten.

Ob in Aarau Vorschläge eingingen, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls aber kamen die Gemeinden auch sonst auf verschiedene hilfreiche Ideen. So liessen sie mittellosen Bürgern Saatkartoffeln zukommen. Reinach hatte im Frühjahr mit kantonaler Bewilligung im Kanton Luzern eine grössere Menge davon gekauft und den Bedürftigen unentgeltlich oder zu einem günstigen Preis abgegeben. Natürlich erhielten die Armen auch die üblichen Unterstützungsbeiträge weiter, aber diese waren angesichts der Situation ein Tropfen auf einen heissen Stein.

Schliesslich versuchten die lokalen Behörden, mit Vorschriften Einfluss auf die Notlage zu nehmen. Wie wirksam sie waren, bleibt offen. Schon gehört haben wir von der Steuerung der Lebensmittelpreise. Ein weiterer Versuch galt der Eindämmung jeglicher Verschwendung. Reinach drohte den jungen Leuten den Ausschluss von der Sparsuppe an, «wenn sie durch unnöthige kostbare Kleidung Stolz und Hochmut» zeigten. Die Warnung galt für «die jungen Knaben, wenn sie jeden Kreuzer, den sie noch durch ihr mühsames Weben verdienen, an das Tabakrauchen verwenden» und so «bei jeder öffentlichen Gesellschaft mit ihren kostbaren Tabakpfeifen stolzieren». Sie richtete sich ebenso an «die Töchtern, wenn sie glänzende Haarsträhle auf ihren Köpfen, seidene Gasen an den Halstüchern, kostbare Borduren auf ihren Korsetten und allzubreite Sametband und dergleichen an den Jüppen tragen». Armen jungen Leuten wurde sogar das Recht zur Heirat abgesprochen. Im Juni 1817 untersagte die Reinacher Gemeindeversammlung zwei Bürgern die Familiengründung, da sie sich «bei gegenwärtigen Zeitumständen kaum selber erhalten können». Schliesslich wurde in Reinach allgemein bestimmt, es dürfe keiner eine Ehe eingehen, wenn er, sein Vater oder seine Geschwister «von den Almosen unterstützt worden seyen».

Da und dort wurde die Frage akut, ob nicht die Auswanderung einzelner Leute nach Amerika Entlastung bringen könnte. Doch das ist ein Thema für sich.

Aus der Notlage zog man auch Lehren für die Zukunft. Birrwil teilte schon im Jahr 1816 mit, es werde «ein Spital zur Aufnahme der Bedürftigen errichtet, denen man Arbeit verschaffen will». Mit andern Worten: Man plante den Bau eines Armenhauses. Die Birrwiler dieser Zeit machen einen vorbildlichen Eindruck. Als erste im Bezirk dachten sie an den Bau eines Hauses für Arme, als erste führten sie die Sparsuppe ein. Die Reinacher Gemeindeversammlung beschloss allerdings etwas später, gleichzeitig mit der Einführung des Suppenbetriebes, ebenfalls den Bau eines Armenhauses. Im Juli 1817 schloss sich Gontenschwil an und entschied, «den Spital im Oberdorf zu vergrößern». Bisher hatte man – wie einige andere Gemeinden auch – lediglich über eine notdürftige Unterkunft für wenige Personen verfügt. Jetzt aber wünschte man, «daß arme elternlose Kinder, Uneheliche, alte presthafte Personen darein auffgenohmen, unter der Aufsicht eines Spitalmeisters zur Arbeit angehalten, der Sittlichkeit gewidmet und dem Bettel entzogen werden». Die drei Gemeinden hofften, künftig für die Betreuung der Armen besser gewappnet zu sein. Wie vorgesehen, erstellten sie die Häuser nach dem Notjahr auch tatsächlich bald. Ihr Beispiel machte Schule. In den kommenden Jahren waren auch andere Gemeinden wie Menziken, Beinwil und Zetzwil für Armenhäuser besorgt.

Nebenerscheinungen

Genug zu essen bekamen viele trotz Sparsuppe nicht. Mangel litten gerade auch heranwachsende Jugendliche. Kaum zufällig häuften sich Obst- und Gemüsefrevel, taten sich vor allem junge, reinzelt auch Mädchen durch Diebstahl von Obst und Feldfrüchten hervor. Mag sein, dass sie es aus eigener Initiative taten, mag sein, das ihre ratlosen Eltern ihnen einen heimlichen Besuch auf Nachbars Baum oder «Pflanzblätz» nahelegten. In Menziken musste der Gemeinderat im Laufe des Jahres rund 20 Diebe zurechtweisen und büssen. Dabei kamen sicher längst nicht alle Vorfälle zur Anzeige. Die Sünder entwendeten vor allem Kirschen und Äpfel, aber auch Kartoffeln, Rüben, Kefen und Erbsen. Erwachsene Diebe riskierten, zum Gespött der Mitbürger vom Wächter durchs Dorf geführt zu werden. Eine Frau musste dabei als Hinweis einige Kartoffelstauden in der Hand tragen, ein Mann Rüben, Dieser wurde zudem an fünf bestimmten Orten «gegugget», das heisst, der Wächter verkündete laut seine Untat. Als Strafe kam auch zeitweilige Gefangenschaft in Frage. – Auch Waldfrevel geschahen wohl häufiger als in normalen Zeiten. Nicht selten wurde dürres Holz oder eine kleine gefällte Tanne weggeführt.

Anderswo beschränkten sich die Diebe nicht auf die freie Natur. Aus Gontenschwil sind aus dem Jahr 1817 mehrere Einstieg-Diebstähle überliefert. Ein achtjähriger Bub stieg durchs Fenster in ein Haus ein, entwendete ein halbes Brot und 10 Rappen und brachte die Beute seinen Eltern. Ein Altersgenosse liess in einem Haus in Leimbach Brot mitlaufen. Ein dritter Knabe brauchte nicht einzusteigen. Er war bei einem Dorfgenossen «an Kost», bekam aber wohl zu wenig zu essen. Jedenfalls behändigte er «Brot, Anken und dürres Obst». Zur Strafe wurde er vom Dorfpolizisten «mit vier Ruthentreichen belegt». Am denkwüdigsten ist das Beispiel einer Frau Leutwyler, die mit einem 13-jährigen Buben zusammenspannte und in die Stube eines Hauses im Hümbeli einstieg. Die beiden erbeuteten einen «Kratten mit Seubohnen», etwa 1½ Pfund Brot und «Ankenraumen». Sie teilten alles, assen es auf dem Heimweg und wurden wohl dabei erwischt. Sie mussten sich vor dem Gemeinderat verantworten und erhielten je «sechs Brügel». Bezeichnend für die Vorfälle ist, dass es immer um Lebensmittel ging.

Die Gemeindebehörden registrierten ein weiteres Übel als Folge der Hungersnot. Arme Kleinbauern, deren Vorräte längst zur Neige gingen, vermochten die neue Ernte nicht abzuwarten und hackten ihre Kartoffeln viel zu früh aus. Um das zu vermeiden, stellte Reinach im Juli 1817 besondere Wachen auf und schloss Ungehorsame von der Sparsuppe aus.

Ende der schlimmsten Not

Im August lief der Suppenbetrieb langsam aus. Im Ruedertal war er schon Ende Juli eingestellt worden. Die sehnlich erwartete neue Ernte war in Reichweite. Die notleidende Bevölkerung und die geplagten Behörden konnten aufatmen. Der Reinacher Pfarrer Ringier schrieb in einem Brief vom September: «Die schwersten Prüfungen sind gottlob vorüber ... und eine gesegnete Erndte hat die geschlagenen Wunden geheilet.» Für die Behörden kam der Moment, Rückschau zu halten. In einem Schreiben an den Kulmer Armeninspektor, Pfarrer Buess, hielt die kantonale Armenkommission fest, der Bezirk Kulm sei innerhalb des Kantons «der bedrängteste» gewesen und habe «auch weitaus die meiste obrigkeitliche Unterstüzung erhalten». Tatsächlich hatte der Bezirk mit 12’388 Pfund weitaus die grösste Menge Reis bezogen. An zweiter und driiter Stelle folgten die Bezirke Laufenburg und Muri mit nur gut der Hälfte. Der Bezirk Lenzburg hatte gerade mal 162 Pfund benötigt. Allerdings stand Kulm dafür mit einem geringen Geldbezug von Fr.465.75 an drittletzter Stelle. In diesem Fall hatte Brugg mit Fr.1023.10 den grössten Bedarf gehabt. In einer Tabelle festgehalten wuden auch die Unterstützungbeträge für die einzelnen Gemeinden. Reinach und Menziken standen im Bezirk Kulm als Reisbezüger mit 1473, bzw. 1463 Pfund an der Spitze. Teufenthal auf der andern Seite hatte lediglich 359 Pfund erhalten, die kleine Gemeinde Burg 5 Pfund mehr. Gränichen hatte, wenn wir den in Franken angegeben Vergütungsbetrag in Reis umrechnen, 990 Pfund bezogen, Suhr 830 Pfund. Zu beachten ist, dass die Zahlen lediglich die Vergütungen des Kantons betreffen. In Wirklichkeit verwendeten die Gemeinden ja meist die vierfache Menge, einzelne die dreifache oder mindestens die doppelte. Gränichen wurde für seine Aufwendungen zu einem Drittel entschädigt, Suhr zu einem Viertel.

Die verschiedenen Behörden blickten erleichtert und dankbar auf die gute Zusammenarbeit zurück. Da und dort fassten sie ihren Dank auch in Worte. Der Gemeinderat Teufenthal schrieb der kantonalen Armenkommission in der damals verbreiteten «blumigen» Sprache: «Glücklich kann sich ein Volk, vorzüglich das vom Kanton Aargau schäzen, das unter einer so guten Regierung lebet ... Huldreich und väterlich haben Sie Proben der schönsten und menschenfreundlichsten Aufopferungen und Unterstützungen an so viel Arme und Nothleidende ... bewiesen.» Umgekehrt nützte die kantonale Kommission die Gelegenheit zum Dank anlässlich der letzten Lieferung von Reis an Pfarrer Buess. Der Kulmer Armeninspektor hatte diesen letztmals an die Dörfer zu verteilen, die im August noch Sparsuppe ausgegeben hatten. «Wehrend dieser ganzen Zeit sind Ihnen sehr viele Bemühungen aufgefallen (aufgebürdet worden). Die Armen Com. erkennt es mit wärmsten Danke, was Sie zu Gunsten der Nothleidenden gethan haben.» Da Buess infolge des hohen Reisbedarfs seines Bezirks mehr Arbeit gehabt hatte als alle anderen Armeninspektoren, blieb es nicht bei den Dankesworten. Die Kommission schenkte ihm «zu eigenem Gebrauch für Ihre Familie» einen Sack Reis. Er wog volle 156 Pfund. Buess dürfte sich über die Anerkennung sehr gefreut haben.

Man darf im Rückblick wohl ruhig sagen, dass die Behörden – in Kanton, Bezirken und Gemeinden – ein Lob verdient hatten. Sie hatten ihr Bestes gegeben, um die Notlage einigermassen zu überbrücken. Nicht zu vergessen ist dabei der private Helferwille. Wer irgendwie konnte, half mit Lebensmitteln aus eigenem Bestand oder mit Geldbeiträgen. Gränichen hatte in einem Hilfsgesuch an den Kanton mit Recht darauf hingewiesen, dass die Bemittelten eine beträchtliche Last zu tragen hätten.

Das Schlimmste war nun überstanden, aber sogenfreie Zeiten brachen nicht an. Überwunden war nur die akute Ernährungskrise, nicht die Armut an sich. Diese sass tief. Ursache waren ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse und ein zeitweise starkes Wachstum der Bevölkerung. Erwähnt sei hier nur, dass der Kanton 1832 erneut Gratisreis liefern musste und dass teilweise die Sparsuppe wieder eingeführt wurde.

   Quellen


Staatsarchiv: DIA A 0071 (umfangreiches Akten-Dossier zum Sparsuppenbetrieb) und 0072/01. Armenkommission, Notjahre, Bd.1 (Armenhäuser)
Gemeindarchiv Menziken: Gemeindeprotokoll 1817
Gemeindarchiv Gontenschwil, Gemeindeprotokoll 1817
Gemeindarchiv Reinach: Gemeinderatsprotokoll 1816/17. Missivenprotokoll Bd.1
Privat: Chronik von Rudolf Heitz, Reinach
Wikipedia: Rumfordsuppe