Historische Vereinigung Wynental

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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Der Kamm- und Haftenmacher Johannes Wirz

   Autor: Peter Steiner download PDF (729KB)  

Kürzlich erschien zum 175-Jahr-Jubiläum der Metallfirma Fischer in Reinach das interessante Buch «Die Häftlimacher». Der Firmengründer Johannes Wirz wird darin eingehend gewürdigt. Hier wollen wir sein familiäres Umfeld und die Wohnverhältnisse noch etwas genauer durchleuchten.

Johannes Wirz entstammte einem seit dem frühen 17.Jahrhundert in Menziken ansässigen Geschlecht, das sich rasch ausgedehnt und in zahlreiche Zweige gegliedert hatte. Ein Mitglied dieses Geschlechts war der erfolgreiche erste Fotograf im Oberwynental, Jakob Wirz (siehe Jahresschrift HVW 2013/14). Der Kammmacher Johannes war – wir nehmen die interessante Erkenntnis gleich vorweg – sein Bruder. In der Familie der beiden müssen sich Gene verbreitet haben, welche forsch- und unternehmensfreudige Persönlichkeiten förderten. Ob sie von väterlicher oder mütterlicher Seite stammten? Die Mutter Maria Imhof kam von auswärts, aus dem bernischen Iffwil westlich von Burgdorf. Über ihre Familie haben wir keine Kenntnis. Jedenfalls bedeutete die Frau in Menziken, wo die Familien damals zum guten Teil untereinander heirateten, eine Blutauffrischung. Über Tätigkeit und Wesen des Vaters Melchior Wirz ist wenig überliefert. Die Tatsache, dass er seine Frau in einer relativ entfernten Gegend gefunden hatte, lässt darauf schliessen, dass er in jungen Jahren etwas «in der Welt» herumkam und kein engstirniger Bürger war, auch wenn er sich nach der Heirat mit einem bescheidenen Landwirtschaftsbetrieb begnügen musste. Nach einem Liegenschaftsverzeichnis von ca.1820 besass er 117'865 Quadratschuh Matt- und Baumgartenland und 160’319 Qudratschuh Ackerland. Die hohen Zahlen täuschen. Das entsprach gerade ungefähr 1 ha Wiesen und 1½ ha Äckern. Damit konnte Melcher seine Familie kaum durchbringen. Er dürfte nur dank einem Zusatzverdienst, den wir nicht kennen, über die Runden gekommen sein. Doch brachte er sicher gute charakterliche Anlagen mit. Seine Vorfahren hatten zu den führenden Einwohnern in Menziken gehört. Melchers Grossvater Rudolf Wirz hatte einige Zeit die Geschicke des Dorfes als Geviertmann oder Dorfvogt geleitet und war gleichzeitig Statthalter, Stellvertreter des Untervogts, im Gerichtsbezirk Reinach-Menziken gewesen. Das Erbgut von Johannes’ und Jakobs Eltern dürfte eine glückliche Kombination gewesen sein.

Melchiors Familienzweig trug nach seinem Vater Samuel Wirz den Zunamen «Baurensamis». Samuel war Besitzer des Strohdachhauses an der heutigen Turnplatzstrasse gewesen, das sich gleich hinter dem heutigen Restaurant Wynental befand und erst 1959 abgebrochen wurde. Um 1795 hatten seine Söhne Samuel junior und Melchior das zweistöckige Haus geteilt und sich in enger und enger werdenden Verhältnissen eingerichtet. Melchiors Familie wuchs auf 11 Kinder an, die alle das Erwachsenenalter erreichten. Melchior starb schon 1826, als das jüngste Kind erst 4½ Jahre alt war. Die älteren Geschwister waren inzwischen erwachsen, Johannes und Jakob gehörten zu den jüngeren. Dass eine landwirtschaftliche Tätigkeit für die Söhne der Grossfamilie keine Option war, leuchtet ein. Sie erlernten Berufe, wurden Gerber, Schuhmacher, Schreiner und Kammmacher. Johannes, der Zweitjüngste, soll – nach dem Häftlimacher-Buch – schon in zartem Alter in Bauwollspinnereien gearbeitet haben, zuerst in Menziken, dann auswärts, um schliesslich in Neuenburg bei seinem älteren Bruder Melchior eine Kammmacher-Lehre zu durchlaufen.

Das Elternhaus von Johannes Wirz an der heutigen Turnplatzstrasse
Das Elternhaus von Johannes Wirz an der heutigen Turnplatzstrasse

Zurück in Menziken, heiratete Johannes 1837 mit 24 Jahren Marianna Gautschi aus dem Holenweg in Reinach. Wo sich das Paar zunächst niederliess, ist nicht bekannt. Doch nach zwei Jahren nutzte Johannes die Gelegenheit, ein Eigenheim zu erwerben. Der bisherige Besitzer war sein Cousin Rudolf Wirz. Dieser, Schuster von Beruf und einiges älter als Johannes, war an der Turnplatzstrasse in der Nachbarwohnung aufgewachsen. 1828 hatte er für seine Familie eine Haushälfte an der Hauptstrasse gekauft. Das Strohdachhaus befand sich am Platz des heutigen Gebäudes Hauptstrasse 49, gleich unterhalb des Restaurants Eintracht. Doch nun geriet der Schuhmacher in den Geldstag und musste seine Wohnung räumen. Sein Vetter Johannes kaufte die Haushälfte mit einem kleinen Baumgarten für 765 Fr. Das war offensichtlich ein günstiger Preis, denn Rudolf Wirz hatte seinerzeit 1000 Fr bezahlt. Allerdings mag Abnutzung den Wert der Wohnung inzwischen gemindert haben. Der bescheidene Wohnteil auf der Strassenseite des Hauses bestand aus «Stube, Stüble und Küche wie auch den Gehältern ob denselben wie auch dem Recht in dem Tenn, um die nöthigen Waaren abzuladen». Der Schwiegervater von Johannes stellte sich beim Kauf als einer von zwei Bürgen zur Verfügung. Die Darstellung in der Reinacher Dorfgeschichte des Verfassers, es habe sich beim Gebäude um das Vaterhaus von Johannes Wirz gehandelt, muss korrigiert werden. Richtig ist hingegen, dass der umtriebige Mann hier seine berühmte Häftlimaschine entwickelte und die Produktion von Haften im grossen Stil aufnahm. Ein langes Bleiben war der Familie in der Wohnung aber nicht beschieden. Im Mai 1845 fiel das Haus einem Brand zum Opfer.

Ob Johannes Wirz durch die Feuersbrunst einen starken finanziellen Verlust erlitt, entzieht sich unserer Kenntnis. Die wichtige Maschine rettete er unversehrt. Doch musste er sich für seine Familie nach einer neuen Bleibe umsehen. Laut dem Häftlimacher-Buch fand er vorübergehend Unterkunft bei seinem Schwiegervater Samuel Gautschi in Reinach. Vielleicht war er über den Brand gar nicht so unglücklich. Er zwang ihn, sich neu zu orientieren, und gab ihm die Möglichkeit, grössere Pläne zu entwickeln. Mit einem einfachen Strohdachhaus gab er sich nicht mehr zufrieden. Im Sommer 1847 erwarb er von Kappenmacher Heinrich Hauri zum Preis von 600 Fr. ein kleines Stück Land zwischen Landstrasse und Wyna auf Reinacher Boden, aber hart an der Grenze zu Menziken. Hier liess er sich ein solides neues Wohnhaus bauen, zweistöckig und mit Ziegeldach. Es wurde auf 4550 Fr. geschätzt. 1849 oder 1850 konnte er es beziehen. Längere Zeit genügte es seinen Bedürfnissen. Schliesslich aber brauchte er für die wachsende Produktion mehr Raum. Er nutzte 1862 die Gelegenheit, als das nördlich anschliessende Grundstück zum Verkauf stand. Mit den Nachkommen des Kappenmachers als Mitkäufern einigte er sich, vom Land und dem Strohdachhaus darauf je den vierten Teil zu übernehmen. Der Erwerb kostete ihn Fr. 1237.50. Das alte Haus wurde in der Folge abgerissen, und Wirz liess auf seiner Parzelle ein zweistöckiges hölzernes Fabrikgebäude errichten, dessen Schatzungswert sich auf 3500 Fr. belief.

Wohnhaus und Fabrik von Johannes Wirz im Reinacher Oberdorf
Wohnhaus und Fabrik von Johannes Wirz im Reinacher Oberdorf

Man fragt sich, wie der unternehmungsfreudige Fabrikant für alle Kosten aufkommen konnte. Seine Mittel waren trotz geschäftlichem Erfolg anfänglich sicher begrenzt. Im Sommer 1869 nahm er denn auch von den Fabrikanten Nussbaum in Birrwil einen Betrag von 6000 Fr. auf. Als Pfand setzte er seine Liegenschaft mit den beiden Gebäuden ein.

Dass sich Johannes Wirz fremdes Geld beschaffen musste, wird umso verständlicher, als er sich in der Zwischenzeit eine weitere Liegenschaft gesichert hatte. 1865 hatte er auf Menziker Boden, aber nicht weit von seinem Wohnsitz enfernt, ein Strohdachhaus mit Umschwung gekauft. Das Haus befand sich gleich südlich des Gasthauses zum Sternen. Was wollte Wirz damit? Der Kauf war zweifellos seiner Weitsicht zu verdanken. Er dachte daran, dass seine Nachkommen – zwei Söhne und zwei Töchter – später Wohnraum benötigen würden. Zunächst dürfte er im Haus Mieter einquartiert haben. Zweimal liess er noch bauliche Verbesserungen anbringen. Erst um 1880 liess er das Haus abbrechen und durch einen villenartigen Neubau ersetzen. Nun dürfte seine jung verwitwete Tochter Elise mit ihren Kindern hier eingezogen sein. Später erscheint sie jedenfalls als Besitzerin des Hauses. Elise hatte 1874 den Nachbarssohn Friedrich Hauri, Kappenmachers, geheiratet und hatte sich mit dem erfolgreichen Bauingenieur in Aarau niedergelassen. Doch ihr Mann verunglückte schon nach dreijähriger Ehe tödlich beim Bau einer Schiffbrücke über die Aare (vgl. Monatsbeitrag HVW Sept. 2016). Elise dürfte schon damals nach Reinach oder Menziken zurückgekehrt sein. Die Villa ging später an ihren Schwiegersohn über, den Zahnarzt Eugen Vogt, und noch später an dessen Sohn, den Arzt Herbert Vogt, an den sich ältere Menziker sicher noch erinnern.

Die Villa im Menziker Unterdorf
Die Villa im Menziker Unterdorf

   Quellen


Regionales Zivilstandsamt Menziken/Burg: Bürgerregister Menziken (Wirz-Familien).
Gemeindearchiv Menziken: Lagerbücher. Fertigungsprotokolle Bd.2, 4 und 23. Steuerrödelchen 1792. Landprotokoll Bd.1. Gemeinderatsprotokoll Bd.4.
Gemeindearchiv Reinach: Kirchenbücher. Gerichtsmanuale. Fertigungsprotokolle Bd.14, 20 und 23. Lagerbuch 1850. Liegenschaftenverzeichnis Bd.4.
Staatsarchiv Aargau: Feuerstatthühnerrodel (AA 2013/5).
Firma Fischer: Prospekt, Mitte 20.Jh. (Foto Wohnhaus und Fabrik in Reinach)