Historische Vereinigung Wynental

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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Wynentaler im amerikanischen Bürgerkrieg

   Autor: Peter Steiner download PDF (1312KB)  

1. Teil

Der amerikanische Bürger- oder Sezessionskrieg, wie er auch genannt wird, war eines der schlimmsten Ereignisse in der Geschichte der Vereinigten Staaten. In erbitterten Kämpfen, die sich von 1861 bis 1865 hinzogen, verloren über 600’000 Soldaten ihr Leben. Die USA standen am Rande des Abgrunds, erhielten aber nach dem Krieg die Möglichkeit eines Neuanfangs, der sie zum dem machte, was sie seither sind. Hintergrund der Auseinandersetzung war vor allem die Sklavenfrage. Während die nördlichen Staaten, die hauptsächlich von Handel und Industrie lebten, die Abschaffung der Sklaverei planten, wollten die Südstaaten nicht auf die billigen Arbeitskräfte auf den dort verbreiteten Plantagen (Baumwolle, Tabak, Zuckerrohr) verzichten. Auftakt zum Krieg war der Austritt von 11 Südstaaten aus der amerikanischen Union und die Bildung der eigenen sogenannten Konföderation. Ein «Brexit» wurde dort nicht geduldet.

Staaten der Union (blau) und der Konföderation (rot). In unserem Text erwähnte Staaten sind beschriftet. MD: Maryland, NJ: New Jersey, WV: Westvirginia. Quellle: Kartenbild aus Wikipedia
Staaten der Union (blau) und der Konföderation (rot). In unserem Text erwähnte Staaten sind beschriftet. MD: Maryland, NJ: New Jersey, WV: Westvirginia. Quellle: Kartenbild aus Wikipedia

Unser Beitrag bezweckt natürlich nicht die Schilderung des Kriegsverlaufs. Festgehalten sei lediglich, dass als Sieger aus dem blutigen Ringen schliesslich die Nordstaaten der Union hervorgingen. Unser Anliegen ist die Frage, ob Leute aus unserer Region in das kriegerische Geschehen einbezogen waren. Wynentaler im Krieg auf einem fernen Kontinent? Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass im 19. Jahrhundert Tausende und Abertausende von Schweizern auswanderten und in Amerika eine neue Heimat fanden. Ein gutes Jahrzehnt vor Ausbruch des Krieges hatte die Auswanderungswelle gerade richtig begonnen. Die Teilnahme am Krieg war lange freiwillig, Die Wehrpflicht wurde im Süden 1862 eingeführt, im Norden gar erst 1863. Doch rührten die offiziellen Stellen eifrig die Werbetrommel. Und man kann sich vorstellen, dass junge Neusiedler, die wirtschafltich noch nicht abgesichert waren, die militärische Tätigkeit als vorläufigen Ausweg aus einer prekären Situation begrüssten. Einzelne mögen sich auch gesinnungsmässig für die Anliegen der einen oder der anderen Partei erwärmt haben. Es ist jedenfalls bekannt, dass gar nicht wenige Schweizer Einwanderer in die eine oder andere Armee eingegliedert waren und teils in den grossen Schlachten mitkämpften. Auf Seite der Union sollen rund 6000 Schweizer mitgewirkt haben, für die Konföderation kennt man keine Zahlen. Für die Südarmee zur Verfügung stellte sich jedoch der bekannteste Schweizer aus der Kriegsgeschichte, der Zürcher Arzt Heinrich Wirz, der es – früh verwundet – zum Kommandanten eines grossen Kriegsgefangenenlagers brachte.

Und unsere Wynentaler? Sie haben in Kriegs- und Familiendokumenten zahlreiche Spuren hinterlassen. Da sie sich vorwiegend in nördlichen Bundesstaaten niederliessen, dienten sie in alllen uns bekannten Fällen in der Armee der Union. Wir beschränken uns in unserem Bericht nicht auf die Kriegszeit, sondern beleuchten, soweit es die Quellen zulassen, auch die Lebensumstände der Betroffenen vor und nach dem Krieg. Wir bekommen dadurch eine Vorstellung, was es für Leute waren, die sich für den Kriegsdienst entschlossen.

Einzelne Wynentaler kamen gleich bei der Einwanderung mit der Kriegssituation in Berührung. Heinrich Steiner aus Gontenschwil reiste im Sommer 1863 mit seiner Frau Verena und fünf kleinen Kindern über das Grosse Wasser. Bei der Ankunft in New York hatte er kaum das Schiff verlassen, als Rekrutierungsbeamte auf ihn zukamen und ihn zur Registrierung für die Armee überreden wollten. Heinrich lehnte entschieden ab. Ihm war bewusst, dass seine Familie ihn brauchte. Sie kamen in ein fremdes Land, wo sie noch nicht einmal einen Wohnsitz hatten. Wie geplant, reiste er in den Staat Nebraska weiter, wo sich schon andere Gontenschwiler niedergelassen hatten.

Von den bereits in den USA ansässigen Wynentalern lassen sich nicht wenige finden, die sich freiwillig zur Kriegsteilnahme meldeten. Dazu gehörte der 1815 geborene Reinacher Johannes Soland, drüben John genannt. Er war – das sei vorausgeschickt – der älteste uns bekannte Soldat aus dem Wynental. Der Sohn eines Schuhmachers war nicht mehr in Reinach selber aufgewachsen, sondern in Holderbank oder Wildegg. Vor 1860 hatte er sich in der Siedlung Switzerland im Staat Ohio niedergelassen. Über seine berufliche Tätigkeit ist nichts bekannt. Er blieb offenbar Zeit seines Lebens unverheiratet. Im Juni 1861, nur zwei Monate nach Kriegsausbruch, liess er sich registrieren und wurde einer Kompanie des 77. Regiments in der Ohio Volunteer Infantry (Freiwilligen-Infanterie) zugeteilt. Die Dienstverpflichtung betrug allgemein drei Jahre. Doch Soland wurde nach nur acht Monaten wieder entlassen, möglicherweise nach einer Verwundung, In einem Dokument von 1890 wird er ausdrücklich als Veteran des Civil War (Bürgerkrieg) erwähnt.

Ebenfalls in Ohio meldete sich Rudolf Alfons Sommerhalder für den Kriegsdienst. Er war mit seinem Geburtsjahr 1842 wesentlich jünger als John Soland. Seine Jugendzeit hatte er als Sohn des Pfarrers Friedrich Sommerhalder, einem Bürger von Burg, in Seengen verbracht. Im Herbst 1860 war er in die USA ausgewandert und hatte dort in Cincinnati Wohnsitz genommen. Auch er wurde in die Ohio-Infanterie eingeteilt, jedoch ins 9. Regiment. Im Unterschied zu Soland hielt er drei Jahre durch. Kriegserlebnisse von ihm sind uns keine bekannt. Offenbar kam er unversehrt davon. Bald nach Kriegsende gründete Sommerhalder in Cincinnati mit einer Schweizerin eine Familie. Noch bei seinem Tod im Jahr 1924 erscheint er als Bezüger einer Veteranen-Pension. Offenbar erhielten alle Bürgerkriegssoldaten nach der Entlassung aus der Unionsarmee eine monatlich ausbezahlte Pension, solche mit bleibenden Schäden je nach Verletzungsgrad eine entsprechend höhere.

Erst im Laufe des Krieges traf ein weiterer Bürger von Burg in den USA ein, der 1840 geborene Johannes Sommerhalder, mit Rudolf Alfons nicht näher verwandt. Er hatte sich 1861 mit einer Gontenschwilerin verehelicht und hatte mit ihr zwei Kinder gezeugt. Im Sommer 1864 fuhr er jedoch allein nach Amerika. Die verlassene Frau tröstete sich mit einem anderen Mann, gebar ein aussereheliches Kind und wurde danach von Johannes geschieden. Dieser aber nahm als Infanterist, ebenfalls in einem Ohio-Regiment, dem 24., noch für kurze Zeit am Sezessionskrieg teil. Vor oder nach der militärischen Betätigung muss er sich seinerseits mit einer Frau eingelassen haben. Jedenfalls kam im Jahr 1865 seine Tochter Anna zur Welt. Im Dezember 1867 heiratete er dann seine Partnerin, eine gebürtige Deutsche namens Franziska Sauer. Das war ihm möglich, weil in der Schweiz inzwischen die Scheidung von seiner ehemaligen Frau vollzogen worden war. Wohnort der jungen Familie war die Stadt Dayton in Ohio, wo Johannes oder John als Wirt arbeitete. In der Folge gebar Franziska zwei weitere Knaben und zwei Mädchen.
Soldat aus Ohio. Internet-Quelle: Civil War, Ohio Soldiers
Soldat aus Ohio. Internet-Quelle: Civil War, Ohio Soldiers

Im Nachhinein erfahren wir, dass sich John Sommerhalder während seiner relativ kurzen Kriegszeit eine bleibende Behinderung zugezogen hatte. Denn er war vermutlich identisch mit einem John Sommerhalder, der anässlich seines Todes im Jahr 1912 als Bezüger einer Pension, und zwar als «Army Invalid», bezeichnet wird.

Natürlich bildeten die Leute aus unserer Region und die Schweizer überhaupt trotz zahlreicher Mitwirkung in der Union Army eine kleine Minderheit. Es gab aber Abteilungen, die sich vorwiegend aus Schweizern zusammensetzten. Die Bevölkerung von Ohio war in der Armee besonders stark vertreten. Gegen 320'000’ Mann dienten im Laufe des Krieges in den verschiedenen Formationen des Bundesstaates. 60% aller Männer zwischen 18 und 45 Jahren waren dabei. Von einem weiteren Ohio-Wynentaler werden wir im abschliessenden 4.Teil hören.

2. Teil

Ein weiterer Kriegsteilnehmer war der Menziker Heinrich Merz, Zollers, mit Jahrgang 1824. Er wanderte 1857 nach Amerika aus und hinterlliess, wie man an seinem Heimatort vermerkte, «etwas Vermögen, aber auch 2 uneheliche Kinder». Das Kostgeld für die beiden kleinen Mädchen hatte den grösseren Teil seines Vermögens aufgezehrt. Offenbar reichte das Geld aber noch für die Überfahrt. Vermutlich liess er sich von Anfang an im Staat Indiana nieder und arbeitete in der Landwirtschaft. Im Krieg wurde er Soldat in der Infanterie von Indiana. Wir wissen nichts Näheres über seine Kriegserfahrungen, doch muss er sich wie Johannes Sommerhalder eine bleibende Verletzung zugezogen haben. Er begegnet uns später als Bezüger einer Veteranen-Pension mit dem ausdrücklichen Vermerk «Army Invalid». Arbeitsunfähig war er jedoch nicht. Er war als Farmer tätig, mit der Zeit mit einem eigenen Betrieb. 1867 heiratete er die aus Deutschland gebürtige, einige Jahre jüngere Eva Kuhn. Später erfahren wir, dass zur Familie auch zwei Töchter gehörten, die 1861 geborene Lena und die 1864 geborene Eva. Die Eltern hatten offenbar ihre Beziehung schon lange vor der Hochzeit gepflegt; durch Heinrichs Militärdienst, war sie unterbrochen worden. Die Familie lebte in Indiana, vorwiegend in der Stadt Evansville, einige Zeit auch im Nachbarort Knight. Im Dezember 1911 beendete Henry, wie er nun hiess, in Evansville sein ereignisreiches Leben. Seine Frau scheint gleichzeitig gestorben zu sein.

Ebenfalls aus Menziken stammte Heinrich Heiz, 1838 im Heimatdorf geboren und gelernter Mechaniker. Der Gemeinderat hielt ihn für einen «etwas lockeren Burschen», da er nach der Wanderzeit von den Werkzeugen, die er vom verstorbenen Vater übernommen hatte. ein Stück nach dem andern zu Geld machte. Schliesslich brach er 1860 nach Amerika auf, offensichtlich voll guter Hoffnung. Vom Abfahrtshafen Le Havre aus teilte er nämlich in einem Brief nach Hause mit: «Heut mittags fahren wir ab in das Land wo Milch und Honig fließen und hoffe, daß wir gut hinüber komen.» Das dürfte der Fall gewesen sein. Heiz liess sich in St.Jakob in Illinois nieder, in der Nähe des bei Schweizer Einwanderern beliebten Ortes Highland. In Menziken blieb sein Vermögen zurück, das aus dem Verkauf von Werkzeugen und Land resultierte. Im Frühling 1862 liess er sich davon 600 Fr. zustellen, «zum Ankauf von Pferden und Wagen und miethsweise Uebernahme eines Stücks Landes». Doch muss er sich bald danach zum Kriegsdienst gemeldet haben. Überliefert ist, dass er in der Kavallerie von Illinois im 10.Regiment diente. Nach dem Krieg verwirklichte er sein Ranger-Vorhaben und trug sich auch mit Heiratsabsichten. Aus diesen scheint allerdings nichts geworden zu sein. Vor 1875 übersiedelte Heinrich nach Kalifornien. Mit einem Partner betrieb er Pferdezucht und Pferdehandel und befand sich, wie man in Menziken annahm, «ohne Zweifel in günstigen Erwerbs- und Vermögensverhältnissen». Aus dem «lockeren Burschen» von einst war ein erfolgreicher Berufs- und Geschäftsmann geworden. Das ermöglichte ihm denn auch einen Besuch in der alten Heimat. Ganz unerwartet tauchte er im August 1891 für eine Weile in Menziken auf. Später, In einem Brief von 1897, konnte er den erstaunten Menzikern mitteilen, er sei nun in Kalifornien Besitzer einer Goldmine. Wie es ihm weiter ging, bleibt offen. 1915 musste das Bezirksgericht Kulm Heinrich Heiz tot erklären.

Es waren vorwiegend ledige Männer, die sich für den Kriegsdienst entschlossen. Sie waren natürlich freier für den möglicherweise folgenschweren Entscheid als ein Familienvater. Ein Ehemann war hingegen Jakob Arber aus Gränichen mit Jahrgang 1831 oder 1832. Allerdings waren die Verhältnisse in seinem Fall speziell. Wenn die Quellen nicht trügen, lief die Geschichte der Familie folgendermassen ab: Jakob liess 1854 seine kleine Familie in Gränichen zurück und wanderte allein nach New York aus, wo er zu bleiben gedachte. Vermutlich hatte er die Absicht, Frau und Kind nachkommen zu lassen, sobald er sich in soliden Verhältnissen befand. Womit er nun den Lebensunterhalt bestritt, ist nicht bekannt. Vermutlich kam er auf keinen grünen Zweig, so dass er den Dienst in der Armee als vorläufigen Ausweg begrüssste. Er diente dort in der Artillerie. Der ansehnliche Sold ermöglichte ihm wahrscheinlich, Ersparnisse anzulegen, und nach der Entlassung fand er offenbar eine halbwegs befriedigende Arbeit. Jedenfalls rückten seine Frau Elisabeth und seine inzwischen 17-jährige Tochter Emma im Mai 1864 endlich nach. Die Familie musste sich allerdings nach der Decke strecken. Nach einer Quelle von 1870 teilte sie sich eine Wohnung in New York mit zwei andern Familien, und mit seiner Tätigkeit als Seidenspuler dürfte Jakob nur einen kargen Lohn bezogen haben.

Gleich mehrfach stellten sich Auswanderer der Reinacher Familie Leutwyler der Unions-Armee zur Verfügung. Es waren die Brüder Rudolf, Heinrich und Jakob, Söhne des Reinacher Lehrers Johannes Leutwyler, die sich 1863 der Kavallerie eines Regiments von Missouri anschlossen. Reiten konnten offensichtlich alle drei. Der älteste Bruder, der 1838 geborene Rudolf, war schon 1859 über New Orleans in die USA eingewandert und hatte sich im Staat Missouri, vermutlich in St.Louis am Mississippi, niedergelassen. In die Armee trat er erst 1863 ein, gleichzeitig mit seinen beiden Brüdern oder wenig früher als diese. Heinrich und Jakob mit den Geburtsjahren 1843 und 1845 waren inzwischen ebenfalls in Missouri eingetroffen und hatten sich kurzerhand ihrerseits für den Kriegsdienst gemeldet.

Schlachtfeld. Quelle: Wikipedia
Schlachtfeld. Quelle: Wikipedia

Man darf vermuten, dass sie – von Bruder Rudolf ermuntert – eigens dazu in die USA gekommen waren. Die Erlebnisse der drei im Krieg sind nicht überliefert. Es fällt aber auf, dass sie danach in keinem überlieferten Dokument mehr fassbar sind. Weder erfahren wir von einer Familiengründung noch ist irgendwann ihr Todesdatum festgehalten. Ob sie zu den vielen Soldaten gehörten, die im Sezessionskrieg ihr Leben verloren? – Offen lassen müssen wir, ob ein Johann Rudolf Leutwyler, der im 50. Regiment der Illinois Infantry mitklämpfte, aus dem Wynental (Reinach, Gontenschwil) stammte.

Auch aus Oberkulm reisten im Herbst 1861 zwei Brüder, Ludwig und Gottlieb Speck, nach Amerika. Sie waren erst 19 und 17 Jahre alt. Der Zeitpunkt ihres Wegzugs könnte bedeuten, dass sie von Anfang an die Absicht hatten, drüben als Soldaten zu dienen. Auffallenderweise fuhren sie nicht miteinander oder jedenfalls auf verschiedenen Schiffen über den Ozean. Uber ihr Leben drüben ist sehr wenig bekannt. Überliefert ist einzig, dass sie miteinander in einem New Yorker Regiment ihren Dienst leisteten. Wie im Falle der Brüder Leutwyler verstummen die Quellen nach der Kriegszeit. Ob auch die beiden Oberkulmer den Krieg nicht überlebten?

Es gab leider durchaus Leute aus dem Wynental, welche die Teilnahme am Sezessionskrieg bezeugtermassen mit einer Verwundung, einer schweren Krankheit oder gar mit dem Tod büssten. Im Fall von Heinrich Merz und zuvor schon von Johannes Sommerhalder haben wir bereits von ernsthaften Verletzungen gehört. Von weiteren Fällen wird der 3.Teil unseres Berichts handeln.

3. Teil

Jakob Kaspar Müller vom Wannenhof hatte sich in den 1850er Jahren in Highland (Illinois) niedergelassen. Gleich bei Kriegsbeginn trat er der Unionsarmee bei und vepflichtete sich zunächst für drei Monate. Er wurde dann in ein anderes Regiment umgeteilt mit der inzwischen allgemein üblichen Verpflichtung für drei Dienstjahre. Mit Kaspar identisch ist wohl ein im 24.Regiment der Illinois Infantry dienender Caspar Muller. Offenbar drangen Müllers Truppen 1862 ins feindliche Tennessee ein. Jedenfalls musste er dort in Nashville hospitalisiert werden. Im Spital schrieb er am 30.August an seine Geschwister in der Schweiz einen Brief. Zunächst lobte er die Vorteile des Militärdienstes, vielleicht um den Verwandten pausibel zu machen, weshalb er überhaupt Soldat war. Immerhin war er gelernter Bäcker und hätte wohl seinen Beruf auch in Amerika ausüben können. Er schrieb: Ich «habe per Monat 13 Dollars und Zulag für Uniform, im Jahr 45 Dollars, nebst Kost [...]. Jetzt aber bin iich im Hospital, lieg ich krank darnieder und weiß nicht, wann meine letzte Stunde schlägt. Denn meine Krankheit ist der Bandwurm und habe schon drei Kuren bestanden und alle mißlungen, und so habe ich alle Hoffnung aufgegeben [...]. Wir mußten diesen Winter die ganze Zeit in Zelten schlafen, so eine harte Zeit hatte ich in meinem ganzen Leben nie gehabt. Sage sechzehn Monat nie in einem Bett geschlafen.» Die Nahrung war, wie der Bandwurm-Befall zeigt, offensichtlich auch mangelhaft.

Begreiflicherweise machte sich Kaspars Bruder Hans Jakob, Schmied auf dem Wannenhof, Sorgen, da er nach dem Brieferhalt während Monaten nichts mehr hörte. Er wandte sich im folgenden März an die eidgenössischen Behörden, damit sie nachforschten und allenfalls die Herausgabe des brüderlichen Nachlasses bewirkten. Im Juni erhielt er den Bericht, Kaspar sei Ende 1862 infolge seiner Erkrankung aus dem Heer entlassen worden und höchstwahrscheinlich nach Highland zurückgekehrt. Es ist uns nicht möglich, diese Aussage anhand der vorhandenen Quellen zu überprüfen und allenfalls Kaspars Leben weiter zu verfolgen.

Noch schlimmer traf es Adolf Frey aus Gontenschwil, den 1838 geborenen ältesten Sohn des dortigen Goldleistenfabrikanten Rudolf Frey. Er war im Sommer 1862 in die USA ausgewandert und hatte sich bald bei den Unionstruppen anwerben lassen. Von welchem Staat aus das geschah, lässt sich nicht sicher ermitteln. Es sind Soldaten in der Unionsarmee namens Adolph Frey aus New Yokr, Pennsylvanien, Ohio und Indiana aufgelistet. Im Sommer 1864 erhielt Adolfs Vater, vermutlich durch einen Dienstkameraden des Sohnes, die briefliche Nachricht, Adolf sei im Juni im Kampf mit den Aufständischen als Soldat auf dem Kanonenboot Petro 5 gefallen. Die Lokalität wird dabei nicht genannt. Der Vater liess genauere Nachforschungen anstellen, erhielt aber erst im folgenden Jahr über den schweizerischen Bundesrat und die aargauische Kantonsregierung den Bericht, Adolf sei auf den Zahlungslisten des Kanonenbootes seit dem April 1864 als vermisst aufgeführt. Er sei vermutlich an diesem Tag in einem Kampf gegen Konföderationstruppen bei Yazoo in Mississippi auf dem Fluss Yazoo gefallen. Den Feinden sei dabei die Wegnahme des Schiffes gelungen. Ein Totenschein lasse sich nicht beibringen. Ob Adolf in den Fluten versunken war?

Auch der 1829 geborene Daniel Kröni, alt Ammanns, aus Teufenthal, bezahlte seine Kriegsteilnahme mit dem Leben. Er wanderte im Mai 1854 zusammen mit einigen andern Teufenthalern aus. Übeliefert ist, dass die Reisegesellschaft von New York mit dem Zug nach Buffalo am Ostende des Erie-Sees fuhr und dort im Gasthof zum Schweizerhaus abstieg. Kröni suchte in der Umgebung erfolgreich nach Arbeit, kümmerte sich aber zugleich rührend um eine Reisgefährtin, die in einem dortigen Spital ein Kind zur Welt brachte, in der Folge aber samt dem Neugeborenen starb. Kröni, im Unterschied zu anderen Auswanderern nicht schlecht bei Kasse, übernahm die Kosten. Er muss später in den Staat Illinois weitergereist sein.

Schlacht am Chickamauga. Quelle: Wikipedia
Schlacht am Chickamauga. Quelle: Wikipedia

Die Kenntnis über sein Schicksal verdanken wir seinem langjährigen Hausgenossen John Rey, ehemals von Birmensdorf, dann wohnhaft in Columbia in Illinois. Dieser informierte Ende Mai 1864 den Teufenthaler Gemeinderat, Daniel Kröni habe geraume Zeit bei ihm, Rey, gewohnt. Seit dem 11.Mai 1861 habe er jedoch der Union als Soldat gedient. Am 20.September 1863 sei er in der Schlacht am Chickamauga (Fluss) gefallen. Das zweitägige Ringen im Norden Georgias war eine der verlustreichsten Schlachten des Bürgerkriegs. Die Unionstruppen waren so weit südwärts vorgedrungen, verloren aber die Schlacht. Kröni war einer von 1657 Gefallenen auf Seite der Union. Die Verluste der Gegner waren allerdings noch grösser.

Der Tod von Daniel Kröni hatte ein Nachspiel. Während seiner Dienstzeit hatte er wiederholt seinem Freund Rey Geld geschickt, damit er es für ihn oder im Todesfalle für seine Geschwister aufbewahre. Im Krieg liess sich gut verdienen . Falls sich ein Verwandter des Verstorbenen zur Ansiedlung in Amerika entschloss, standen ihm volle 350 $ zur Verfügung. Da sich niemand dazu entschliessen konnte, wurde das Geld schliesslich den Erbberechtigen in der Schweiz zugestellt.

Ebenfalls tödliches Pech hatte Hans Rudolf Weber, Drechslers oder Spitzenschneiders, Geburtsjahr 1823, aus Menziken. In jungen Jahren musste er eines nicht näher bekannten Vergehens wegen in der Strafanstalt Aarburg einsitzen. Danach reiste er im Frühjahr 1854 nach Amerika, vermutlich in den Staat New Jersey und heiratete dort. Er trat dann in den Kriegsdienst ein. Die Menziker Gemeinderat erfuhr erst 1869 mit einer Bestätigung der amerikanischen Behörden, er sei «im letzten Krieg» in der Schlacht bei Port Walthall in Virgina gestorben. Diese hatte im Mai 1864 stattgefunden. Die Konföderierten mussten sich damals nach anfänglichem Erfolg zurückziehen, und den Unionisten gelang es, eine für die Gegner wichtige Eisenbahnlinie nach ihrer Hautstadt Richmond zu unterbrechen. Allerdings verloren sie im Kampf 300 Mann. Hans Rudolf Weber war dabei. In New Jersey blieben seine Witwe und drei Kinder zurück. Als auch die Witwe starb, verlangte der Vormund der Kinder das Vermögen heraus, das deren Vater in Menziken hinterlassen hatte. Das wurde ihnen auch trotz Opposition von Hans Rudolfs Mutter und Geschwistern überwiesen, und zwar auf Grund einer Verfügung des schweizerischen Bundesrates, der sich mit der Angelegenheit hatte befassen müssen.

Mit dem Leben davon kam vermutlich Jakob Hunziker-Siegrist aus Oberkulm, ein Ehemann. Er zog 1863 nach Amerika. Seine Frau Anna hatte er mit drei kleinen Kindern zurückgelassen, da er offenbar mit der festen Absicht hinüberfuhr, sein Auskommen dort als Soldat zu finden. Jedenfalls trat er im Staat Maryland nach der Ankunft in ein Regiment der Unionsarmee ein, wie er in einem Brief an seine Familie später mitteilte. Den Brief schrieb er im Mai 1864 in einem Militärspital in Philadelphia, wo er wegen einer Verwundung lag. Danach blieb seine Familie in Oberkulm völlig im Ungewissen. Laut Gerüchten war Jakob im Spital verstorben. Seine Frau liess sich anfangs 1865 auf diplomatischem Weg nach seinem Ergehen erkundigen. Im April traf eine beruhigende Antwort des schweizerischen Generalkonsuls in Washington ein. Danach hatte Jakob, wieder diensttüchtig, zu seinem Regiment zurückkehren können. Über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Offenbar blieb er in Amerika. Seine Frau konnte das nicht billigen und liess sich im Frühjahr 1866 von ihm scheiden.

4. Teil

Genauer Bescheid über das Schicksal eines Wynentalers im Sezessionskrieg wissen wir im Falle von Samuel Irmiger. Zudem erfahren wir verhälnismässig viel über seine Lebensumstände. Samuel war Abkömmling einer der ältesten Menziker Familien. Allerdings sind die Irmiger inzwischen aus dem Dorf und aus der Schweiz überhaupt verschwunden. In den USA jedoch leben noch immer zahlreiche Nachkommen. Samuel ist der Begründer eines dortigen Irmiger-Zweiges. 1834 in Menziken geboren, erlebte er dort eine wenig erfreuliche Jugendzeit. Früh verlor er beide Eltern, wuchs bei den Grosseltern mütterlicherseits auf und machte eine Bäckerlehre. Beruflich bewährte er sich dann eher schlecht und führte ein unstetes Leben. Schliesslich ergriff er die Flucht nach vorne und beschloss im Frühjahr 1854 die Auswanderung nach Amerika. Der Menziker Gemeinderat entsprach dem Auswanderungsgesuch des jungen Mannes «nicht ungern», da er «sich hier nicht an die Arbeit gewöhnen und nirgends sich in die Verhältniße fügen konnte und mehr als die Hälfte seines Vermögens durchbrachte».

So reiste Samuel über den Ozean und liess sich in Cincinnati nieder, wo wir schon Alphons Sommerhalder angetroffen haben. Nach einem knappen Jahr meldete er sich brieflich beim Menziker Gemeinderat und verlangte die Aushändigung seines restlichen Vermögens, da er eine Kleinbäckerei gründen möchte. Dem Gesuch wurde teilweise entsprochen. Ob aus der Bäckerei etwas wurde, ist aber fraglich. Es fiel Samuel schwer, in der Neuen Welt feste Wurzeln zu fassen. Der Verwalter seines Restvermögens in Menziiken notierte in seinem Bericht: «Wie früher hier, so scheint der Schutzbefohlene auch jenseits des Ozeans ein unstetes Leben zu führen. Im Februar 1855 schrieb er aus Cicinnati, wohin ihm weitaus der größte Theil des noch hier gelegenen Vermögens gesandt werden mußte. Im April 1860 schrieb derselbe aush Hamilton, Staat Ohio, und im März1861 aus Terre Haute, Staat Indiana, den Rest seines Vermögens heraus verlangend.» Den schickte der Menziker Gemeinderat aber diesmal vorsichtiger Weise nicht. Glücklich war Irmiger über seine Situation nicht. Im Brief von 1860 schrieb er:«Wenn einer nach Amerika ohne viel Geld, ohne Kenntniß der Menschen, deren Karatkere und Ordnungen und nebenbei ohne große Lust zum Arbeiten wie er, so gehe es einem gewöhnlich einige Jahre abscheulich schlecht.»

Es verwundert nicht, dass sich Samuel Irmiger schon zwei Monate nach Ausbruch des Bürgerkriegs rekrutieren liess. Er war genau der Typ, dem die Möglichkeit militärischer Betätigung entgegenkam. Als Soldat hatte er eine feste Tagesstruktur und brauchte sich selber nicht um sein Fortkommen zu kümmern. Auch durfte er mit einer ansehnlichen Besoldung rechnen, wie wir schon festgetstellt haben. Er diente in der 1.Kompanie des 6.Ohio-Infanterie-Regiments. Im September 1861 befanden sich seine Truppen südlich von Ohio in Westvirginia und hielten dort den Cheat Mountain besetzt, einen langen, zerklüfteten Gebirgszug. Zwei starke Abteilungen der konföderierten Armee unter ihrem General Lee warenr in die Täler westlich und östlich des Gebirges vorgestossen. Sie hatten die Aufgabe, das strategisch wichtige Gebirge zu erobern und dadurch zugleich die gegenseitige Verbindung herzustellen. Eine Gruppe von 50 Leuten der Ohio-Infanterie unter einem Hauptmann Bense befand sich isoliert in einer vorgeschobenen Stellung auf dem Berg. Dort wurden sie von einer Vorhut der Konföderierten überrascht. Zwei Wachtposten wurden niedergeschossen, der ganze Rest der Gruppe wurde umzingelt und gefangen genommen. Es waren drei Offiziere und 47 Mannschaftsleute, darunter Samuel Irmiger. Der eine der erschossenen Wächter, überliefert als Jacob Helflicker, könnte ebenfalls ein Aargauer mit dem richtigen Namen Jakob Häfliger oder Hilfiker gewesen sein. Ob auch unter den Gefangenen weitere Aargauer waren – sie sind alle namentlich bekannt – ist unsicher. Den Namen Weber und Zimmermann müsste man genauer nachgehen.

Die drei Tage dauenden kriegerischen Ereignisse am genannten Gebirgszug sind als Schlacht am Cheat Mountain in die Geschichte eingegangen. Die Konföderierten hatten sich trotz Anfangserfolgen wieder zurückziehen müssen. Die Gefangenen aber – Samuel Irmiger war immer dabei – wurden von ihnen in Gewaltsmärschen südostwärts in den Staat Virginia geführt, der im Unterschied zu Westvirginia zur Konföderation hielt. «They were worn out with hard marching and suffering greatly from hunger.». (Sie waren vom harten Marsch völlig erschöpft und litten sehr unter dem Hunger.) In der Stadt Staunton erhielten sie schliesslich eine nahrhafte Suppe, und ein oder zwei Tage später erreichten sie die virginische Hauptstadt Richmond, wo ein Kriegsgefängnis in einem ehemaligen Tabak-Lagerhaus auf sie wartete. Möglicherweise handelte es sich um das abgebildete Libby-Gefängnis. Dieses soll allerdings erst 1862 für gefangene Offiziere eröffnet worden sein; ein einstiges Tabak-Lagerhaus war es aber auch. Die Verhätnisse für die Insassen des Gefängnisses waren schlecht (mangelhafte Ernährung, ungenügende medizinische Versorgung).

Libby-Gefängis. Quelle: Wikipedia
Libby-Gefängis. Quelle: Wikipedia

Wie lange Samuel Irmiger im Gefängnis auszuharren hatte, wissen wir nicht. Den Unionstruppen gelang die Einnahme von Richmond, übrigens Hauptstadt der Konföderation, erst ganz am Ende des Krieges. Hingegen fand zuvor mehrmals ein Gefangenen-Austausch statt, wovon auch Irmiger profitiert haben mag. Drei Jahre nach dem Krieg heiratete er eine Deutsche namens Eva Meinhold, die ihm in der Folge zwei Söhne gebar und ihm wohl den nötigen Rückhalt gab, dass er sich auch im Zivilleben bewährte. Er wohnte mit seiner Frau nicht mehr in Ohio, sondern im Woodford County in Illinois. Noch später übersiedelte die Familie in den Staat Wisconsin, wo Samuel den Lebensunterhalt als «baker and lemon beer manufacturer» (Bäcker und Zitronenbier-Brauer) bestritt. 1881 starb er an Herzversagen.

5. Teil

Samuel Irmiger war nicht der einzige Wynentaler, der in einem Gefängnis der Feinde schmachten musste. Ein anderer Menziker, Samuel Vogt, erlitt das gleiche Schicksal. Dieser war 1835 als einziges Kind eines gleichnamigen Vaters auswärts zur Welt gekommen, vermutlich in Zofingen. Dort jedenfalls wurde er getauft. Schon mit knapp 16 Jahren trat er im August 1851 die Reise nach Amerika an. Die näheren Umstände sind nicht bekannt. auch nicht, ob er allein oder in Begleitung eines anderen Auswanderers reiste. Überliefert ist hingegen, dass die Fahrt über den Ozean 23 Tage dauerte und dass sich Samuel in Nauvoo im Staat Illinois niederliess, wo schon andere Wynentaler eine neue Heimat gefunden hatten. Er dürfte sich dort als Landarbeiter betätigt haben, vielleicht bei einem schon ansässigen Wynentaler. Am letzten Tag des Jahres 1857 heiratete er an seinem Wohnort die einige Jahre ältere Elizabeth McGregor, eine Frau mit irischen Wurzeln. Bald nach der Hochzeit übersiedelte das Paar aus unbekanntem Grund auf die gegenüberliegende Seite des Flusses Mississippi, nach Montrose im Staat Iowa. Vermutlich hier kam 1860 als einziges Kind die Tochter Cordelia zur Welt.

Inzwischen begann der Krieg. Im April 1862 liess sich Samuel Vogt zum Dienst im 17. Iowa-Infanterie-Regiment registrieren. Sein Beweggrund ist nicht überliefert. Es ist jedoch zu vermuten, dass er seine Familie mittelfristig verliess, um mehr Geld zu verdienen als mit der Landarbeit. Die Geschichte von Samuels Regiment ist minutiös dokumentiert, so dass wir den Kriegsverlauf in grossen Zügen nachverfolgen wollen. Das Regiment wurde zunächst nach St.Louis in Missouri verlegt. Dieser Staat stand anfänglich nicht klar auf der Seite der Union. Die Bewohner sympathisierten teils mit der Konföderation. Im Mai rückte das Regiment, zusammen mit andern Unions-Truppen, in den feindlichen Staat Mississippi vor und nahm dort an verschiedenen militärischen Aktionen teil. Im Herbst wirkte es bei den Schlachten von Luka und Corinth mit. 1863 beteiligte es sich an wechselnden Operationen in den Staaten Mississippi, Louisiana, Arkansas und Tennessee, dabei an sieben grösseren Schlachten und Belagerungen. Samuel Vogt dürfte überall dabei gewesen sein. Bedeutsam für den Kriegsverlauf war die sechswöchige erfolgreiche Belagerung von Vicksburg (Mississippi) im Sommer. In der Folge stand das ganze Mississippi Tal unter der Kontrolle der Union, und die Konföderation war in zwei Teile gespalten.

Der Krieg aber ging weiter. Im Jahr 1864 hatte es das Iowa-Regiment lange Zeit ruhiger. Bis im Juni war es mit Bewachungsaufgaben im Staat Alabama östlich von Mississippi beschäftigt. Es ging vor allem um den Schutz von Eisenbahnlinien und anderen Verbindungswegen. Anschliessend verschob sich das Regiment, noch rund 300 Mann stark (von ursprünglich über 900), weiter ostwärts nach Tilton in Georgia. Bei ähnlichen Aufgaben wie zuvor vergingen die Wochen ohne besondere Ereignisse. Doch am 13.Oktober rückte eine starke Abteilung der Konföderation auf die Stadt zu und verlangte vom Befehlshaber des überraschten Iowa-Regiments die bedingungslose Kapitulation. Dieser lehnte entschieden ab: «If you want me and my men come and take us.» (Wenn du mich und meine Leute haben willst, komm und fange uns.) Die Soldaten suchten Zuflucht in einem Blockhaus und dessen Umgebung nördlich der Stadt. Es kam zu einem mehrere Stunden dauernden Kampf, wobei die Konföderierten auch ihre Artillerie einsetzten. Den Unions-Leuten ging schliesslich die Munition aus, und sie mussten sich ergeben. Einige Soldaten waren gefallen, wenige konnten fliehen. Der ganze Rest von 244 Mann wurde gefangen genommen. Unter ihnen war bezeugtermassen Samuel Vogt, möglicherweise verwundet. Mit den übrigen Unglücklichen wurde er ins berüchtigte Gefangenenlager von Andersonville geführt, ebenfalls in Georgia. Im völlig überbelegten Lagen waren rund 45'000 Soldaten unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Das einzige Wasser, das ihnen zur Verfügung stand, war ein kleiner Bach, der durch das Lager floss. Er diente zugleich als Trinkwasserquelle, Latrine und Mülldeponie. Transportprobleme verursachten eine völliig ungenügende Versorgung mit Lebensmitteln. Manche Gefangene erlagen den Strapazen.

Gefangenenlager Andersonville. Zeichnung; Quelle: Wikipedia
Gefangenenlager Andersonville. Zeichnung; Quelle: Wikipedia

Samuel Vogt kam mit dem Leben davon. Er musste vier lange Monate im Gefängnis ausharren. Schliesslich wurde er frei gelassen, vielleicht bei einem Gefangenenaustausch. Über seine letzten Monate im Kiegsdienst ist nichts überliefert. Ein Überbleibsel des ehemaligen Regiments – wohl die wenigen Flüchtigen von Tilton – kämpften noch. Ob Vogt mit seiner bleibenden Verletzung, die er sich bei Tilton oder in einer früheren Schlacht zugezogen hatte, aber noch aktiv Dienst leisten musste, ist nicht bekannt. Am 26.Mai 1865 wurde er in Davenport in seinem Wohnstaat Iowa offiziell entlassen. Der Sieg der Nordstaaten stand inzwischen fest. Ein letzter Rest der Konföderations-Truppen ergab sich im Juni. Vogt kehrte zweifellos nach der langen Abwesenheit zu Frau und Kind in Montrose zurück. Dass er sich im Krieg bleibend verletzt hatte, geht aus einem Dokument von 1879 hervor, das Samuel Vogt als invaliden Pensionsbezüger aufführt. Offenbar war er aber arbeitsfähig geblieben. Er dürfte den Lebensunterhalt weiterhin als Landarbeiter bestritten haben. 1880 zog er mit seiner Familie aber nach dem etwas weiter nordöstlich gelegenen Green Bay, wo er sich eine kleine Farm zu kaufen vermochte. Im Dezember 1899 starb Samuel und fand seine letzte Ruhe im Friedhof des Nachbarortes Wever.

Wir kommen zum Schluss unserer Kriegsgeschichte. Es ist uns gelungen, 20 Wynentaler aufzuspüren, die auf Seite der Union im Sezessionskrieg mitkämpften. Nur von zweien, Jakob Burger von der Burg und Johannes Eichenberger von Reinach, haben wir nichts Näheres berichtet, da wir sie erst nachträglich in den Quellen gefunden haben. Jener diente in einer Einheit aus Michigan, dieser in einer aus Wisconsin. Die 20 Wynentaler Soldaten verteilen sich auf alle Dörfer unseres Tals ausser Zetzwil und Leimbach. In Wirklichkeit waren es ohne Zweifel noch mehr. Vor allem für das mittlere und untere Tal ist unser Beitrag sicher unvollständig. Wenn das Oberwynental stärker vertreten ist, liegt es vor allem daran, dass wir uns in die Quellen von Reinach und Menziken besonders gründlich vertieft haben. Wir haben hier alles ausgewertet, was in den Gemeinde-Archiven zu finden war. Sonst haben wir vorwiegend die Auswanderer-Quellen im Staatsarchiv und amerikanische Quellen benutzt, letztere vorwiegend im Internet. Es existieren Verzeichnisse der Kriegsteilnehmer (United States Civil War Soldiers Index).

Aber da ist aussser dem Namen der Soldaten lediglich der Staat genannt, wo sie sich registrieren liessen, ihre militärische Einteilung und ihr Dienstgrad. Für uns unentbehrliche Hinweise wie Geburtsjahr oder ungefähre Herkunft bei Leuten aus Europa fehlen. Hilfreich ist die Liste daher höchstens im Falle von weniger häufigen Familiennamen. Für eine noch umfassendere Darstellung des Themas müssten vorwiegend weitere hiesige lokale Quellen herangezogen werden.
Flaggen der Union (links) und der Konföderation. Quelle: 20min.ch
Flaggen der Union (links) und der Konföderation. Quelle: 20min.ch

   Quellen


Regionales Zivilstandsamt Menziken-Burg: Bürgerregister der Wynentaler Gemeinden
Gemeindearchiv Menziken: Gemeinderversammlungs- und Gemeinderatsprotolkolle; Pflegschaftsrechnungen (heute nicht mehr vorhanden)
Gemeindearchiv Reinach: Gemeindeversammlungs- und Gemeinderatsprotokolle
Gemeindearchiv Holderbank: Taufrodel
Staastsarchiv Aargau, Bücher der Abteiungen DIA, I 3 und I 5.
Bundesblatt 1862 III (Brüder Speck).
Internet: FamilySearch; FamilySearch Civil War Soldiers Index; FamilySearch Civil War and Later Pension Index.
Von Kontakpersonen des Verfassers aus den USA übermittelte Dokumente

   Literatur


E. Hannaford, A Story of a Regiment, 1868 (Richmond-Gefängnis), Internet
P. Steiner, Geschichte der Familie Steiner von Dürrenäsch, 2016 (Auswanderungswelle seit den 1840er Jahren, S.268)
B. Wessendorf, Die überseeische Auswanderung aus dem Kanton Aargau, Argovia 85, 1973 (Besoldung der Soldaten, S.305)
Wikipedia- und andere Internet-Artikel.