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aktualisiert: 05.01.2016

   Monatsbeiträge / Beholzung der Prädikanten

   Autor: Peter Steiner download PDF (236KB)  

1. Teil

Der Titel tönt zweifellos etwas eigenartig. Im folgenden sei erklärt, was es damit für eine Bewandtnis hat.

Die Pfarrer oder Prädikanten, wie die reformierten Amtsträger in der Berner Zeit hiessen, hatten in ihrem Wirkungskreis in mancher Beziehung eine Sonderstellung. So nahmen sie dort von Amtes wegen eine bürgerähnliche Stellung ein, obwohl ihr Aufenthalt in der Regel zeitlich beschränkt war. Sie befanden sich also nicht im ungünstigen Status eines Hintersassen. Es wäre ja auch merkwürdig, wenn sie als staatlich verordnete Vorsteher einer Pfarrei wie «gewöhnliche» Zuwanderer eine Aufenthaltsgebühr hätten bezahlen müssen.

Im Unterschied zu den Hintersassen hatten die Prädikanten ähnlich wie die Bürger gewisse Nutzungsrechte, allerdings meist innerhalb ihrer ganzen Kirchgemeinde, nicht nur in einem Einzeldorf. Ein wichtiges Recht war eben die Beholzung, das Anrecht auf den jährlichen Bezug eines Quantums Brennholz nämlich. Bestimmt wurde der Umfang der Lieferung aber nicht von den ansässigen Bürgern, sondern vom bernischen Staat.

Begeistert über die Beholzungspflicht waren die Gemeinden natürlich nicht. Was sie besassen, teilten sie nicht gerne mit andern, auch nicht, wenn es der ehrenwerte Pfarrherr war. Sie achteten daher sehr darauf, dass die zu liefernde Holzmenge innerhalb einer Pfarrei wenigstens gerecht auf die einzelnen Siedlungen verteilt war. Streitigkeiten konnten nicht ausbleiben. Wir widmen uns im folgenden den Verhälnissen in drei Kirchgemeinden: Reinach, Gontenschwil und Leutwil.

Von Unstimmigkeiten erfahren wir 1595 in der Pfarrei Reinach. Die Vertreter der Gemeinden Reinach, Menziken und Beinwil wurden beim Landvogt auf der Lenzburg vorstellig. Sie klagten, sie seien alle drei «mit gar geringem Holltzhouw versächen». Er reiche nur «kümmerlich» für ihre eigenen Haushaltungen. Trotzdem hätten sie auch noch ihren Prädikanten in Reinach «ze beholltzen». Um diese Pflicht könnten sie sich nicht drücken, doch müssten sie etwas anderes zur Sprache bringen. «Ire Nachpuren (Nachbarn) alls Martin Burger mitt synem Burg- und Emmethoff, ouch die Puren uff dem Leimbach Hoff» kämen zu ihnen nach Reinach zur Kirche, und diese seien «mit überflüssigem Holltzhouw versächen». Man habe sie daher wiederholt «nachpürlichen angesucht und gepätten (ersucht und gebeten), wellind nach Zimbligkeit Inen Iren Predicanten ouch hällffen beholltzen». Die Hofbesitzer hätten sich jedoch «gentzlichen gewidriget» (gänzlich geweigert) und die Meinung vertreten, sie seien «nützit verbunden», aus ihren Wäldern Holz zu liefern. Vermutlich – das steht nicht im Dokument – wiesen die Steckhofbewohner als Begründung darauf, dass sie im Rahmen der Kirchgemeinde auch keine Rechte hätten. Sie seien weder im Chorgericht noch an den jährlichen Rechnungsablagen vertreten. Das verschwiegen die Dörfer wohlweislich.

Der Landvogt nahm das Hilfegesuch zur Kenntnis, wartete aber, bis er sich anderer Amtsgeschäfte wegen zusammen mit dem Grafschaftsuntervogt (seinem Stellvertreter) und dem Landschreiber ohnehin nach Reinach begeben musste. Das geschah am 30. Oktober des Jahres. Er informierte sich an Ort und Stelle genauer und stellte fest, Martin auf der Burg und die Leimbacher besässen so viel Holz wie jede der Gemeinden. Deshalb verfügte er, Martin Burger solle fortan dem Prädikanten jährlich zwei Klafter Brennholz zum Pfrundhaus liefern, und die Leimbacher hätten dasselbe zu tun. Da sich die Hofbesitzer aber nicht um den Entscheid kümmerten, baten die Gemeinden den Landvogt um eine schriftliche Bestätigung seiner Verfügung aus Bern. Diese erfolgte am 14.Juli 1596, und nun hatten sich Burg und Leimbach zweifellos zu fügen.

Das Dorf Burg 1872, noch mit der Ruine der Burg Rynach
Das Dorf Burg 1872, noch mit der Ruine der Burg Rynach

Wie viel Holz lieferten denn die drei Dörfer dem Reinacher Pfarrer? Jedes ebenfalls zwei Klafter jährlich, nur etwas grössere als die Höfe. Wann die Lieferpflicht der Dörfer festgelegt worden war, ist uns nicht bekannt. Es dürfte bald nach dem Bau der Reinacher Kirche und der Entstehung der Reinacher Pfarrei im Jahr 1529 geschehen sein. Die Unterscheidung zwischen kleineren und grösseren Klaftern mutet etwas eigenartig an. Offenbar war ein Klafter kein ganz eindeutig definiertes Mass. Dass die kleinen Höfe fast so stark belastet wurden wie die wesentlich grösseren Dörfer mag ungerecht erscheinen. Die bernischen Behörden dürften jedoch berücksichtigt haben, dass der Eigenbedarf in den Höfen dank der kleinen Bevölkerungszahl gering war.

Im übrigen ergab sich mit der Zeit bei der Holzlieferung offensichtlich eine Änderung. Während 1595 Burg und Leimbach und wohl auch die drei Dörfer das Holz zum Pfrundhaus zu bringen hatten, war der Pfarrer im 18. Jahrhundert für alle anfallenden Arbeiten selber verantwortlich. Er hatte das Holz ausdrücklich selber «fellen, aufmachen und führen» zu lassen.

2. Teil

Zu einer ähnlichen Auseinandersetzung kam es um dieselbe Zeit in der Pfarrei Gontenschwil. Der Angeklagte war aber in diesem Fall nicht der zur Pfarrei gehörende Steckhof, der Geisshof, sondern Gontenschwils Nachbardorf Zetzwil. Dieses war nach der Reformation zunächst nur zum kleineren (nördlichen) Teil in Gontenschwil kirchgenössig, zum etwas grösseren im relativ entfernten Birrwil. 1566 kam aber Bern dem Wunsch der «Birrwiler» im Dorf nach und teilte ihren Dorfteil zur nahen Pfarrei Gontenschwil um.

Lange fanden sich die Gontenschwiler offenbar damit ab, dass ihr Dorf allein für das Brennholz des Prädikanten aufkam. Weder der schon anfangs in ihrer Pfarrei eingeschlossene Teil von Zetzwil noch viel weniger der nachträglich integrierte beteiligten sich an der Beholzung des Pfarrers. Als aber auf obrigkeitliche Weisung der Wald in Gontenschwil für den Bau des Kaufhauses in Reinach (1588) und eines Pfarrhauses (in Gontenschwil oder in Reinach?) sowie weitere Zwecke «in kurtzen Jahren mächtig geschweindt worden», fanden es die Gontenschwiler recht und billig, dass Zetzwil künftig mithalf. Doch ihre Bitte fand beim Nachbardorf kein Gehör. Der weitere Verlauf des Streitfalles war nicht anders als in der Pfarrei Reinach.

Abschnitt aus dem Bericht des Landvogts an die Gnädigen Herren in Bern:
«Gestreng, Edell, Fromm, Vest, Fürsichtig, Ersamm. Wyß (weise), innsonnders Gnedig Ir mine Herrenn und Oberenn (...) Es sinnd zu mir kommenn die Verordneten vonn der Gmeinnd Gunndennschwyll ...
Abschnitt aus dem Bericht des Landvogts an die Gnädigen Herren in Bern:
«Gestreng, Edell, Fromm, Vest, Fürsichtig, Ersamm. Wyß (weise), innsonnders Gnedig Ir mine Herrenn und Oberenn (...) Es sinnd zu mir kommenn die Verordneten vonn der Gmeinnd Gunndennschwyll ...

Die Intervention des um Hilfe gebetenen Landvogts beindruckte die Zetzwiler nicht, so dass sich der Vogt auf die Bitte der Gontenschwiler hin eine schriftliche Weisung aus Bern beschaffen musste. Diese lautete, Zetzwil habe fortan «auch die Gebühr gegem Predicanten zu erstatten». Wie viel Holz der Gontenschwiler Pfarrer erhielt, erfahren wir dabei nicht. Überliefert ist hingegen, dass der Geisshof mit einem Klafter jährlich an seine Beholzung beitrug.

In der Pfarrei Leutwil führte eine Umpfarrung direkt zur Auseinandersetzung. Dürrenäsch gehörte ursprünglich zum grossen Teil zur Pfarrei Kulm und nur zu einem kleinen zu Leutwil. 1614 oder 1616 – die Datierung ist nicht ganz klar – verfügte Bern jedoch die Umteilung der bisher nach Kulm «kirchgengigen» Dürrenäscher nach Leutwil. Die Begründung für die Massnahme ist bemerkenswert. Angeblich führten die Äscher, vor allem die jungen Leute, «ein gottloses und muthwilliges Leben» mit häufigem Tanzen (was verboten war) und mangelndem Besuch der Gottesdienste. Vom näheren Leutwil aus hoffte man, sie besser unter Kontrolle zu halten. Doch zu unserem eigentlichen Thema: Durch die Eingliederung von ganz Dürrenäsch wuchsen die kirchlichen Aufgaben für die Gemeinde Leutwil und den dortigen Prädikanten. Leutwil, das bisher den Pfarrer allein mit dem nötigen Brennholz versorgt hatte, forderte daher die Äscher auf, sie sollten ihn «beholtzen helffen», da sie ja jetzt auch seine Zuhörer seien und erst noch über mehr Holz verfügten. Doch diese schlugen das Ansinnen «gentzlich auß und ab». Um Argumente waren sie nicht verlegen: Sie und ihre Vorfahren hätten dem Kulmer Prädikanten nie Holz geschuldet, der Leutwiler Pfarrer brauche ihretwegen nicht mehr Brennholz, und der Leutwiler Wald sei durchaus nicht kleiner als der von Dürrenäsch. Sie möchten daher von der «Beholzung» befreit bleiben oder eher wieder «ghan Kulm transportiert und geleit werden». Auch diesmal wurde der Streitfall vor den Landvogt getragen, welcher ihn nach Bern weiterleitete. Dort entschied man im Januar 1623, «daß die von Äsch an die beholzung eines predicanten zu Lütwyl schuldig syn und gäben söllend jahrlich den vierten theil». Sie kamen also verhältnismässig gut weg. Auf ihren Wunsch präzisierte der Landvogt noch, sie hätten «alle jar vier klaffter wärschafft holtz umb gebürlichen lon machen und gan Lütwyl zum pfrundhuß führen» zu lassen. Für die Kosten des Holzfällens und des Transports hatte der Pfarrer selber aufzukommen. Wir erinnern uns, dass der Prädikant in Reinach, zumindest im 18. Jahrhundert, im Unterschied dazu nicht nur die Kosten zu tragen, sondern auch die Arbeiten selber zu veranlassen hatte. Es gab also duchaus lokale Unterschiede, obwohl Bern sonst auf einheitliche Regeln erpicht war.

   Quellen


Staatsarchiv Aargau: AA 799, Lenzburger Aktenbuch
Staatsarchiv Aargau: AA 1024, Reinacher Pfrundurbar
M. Estermann, Geschichte der alten Pfarrei Pfäffikon (1882)
Willi Hintermann, Birrwil 1185-1985
Raoul Richner, Die Wynentaler Hintersassen im 18. Jahrhundert, in Jahresschrift der HVW 2015/16
Peter Steiner, Die alten Steckhöfe, in Jahresschrift der HVW 2015/16
Peter Steiner, Aus der Leutwiler Kirchengeschichte, auf CD Leutwiler Kirchenbücher, hrg. 2001 von der HVW