Monatsbeiträge

Jan. - April 2020, Peter Steiner

Heinrich Merz, der erste Menziker Arzt

Etwas später als in Reinach, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, nahm ein erster Arzt in Menziken seine Tätigkeit auf. Der nachmalige Dorfdoktor, Heinrich Merz, kam 1824 als Sohn des Baumwollfabrikanten Johann Rudolf Merz aus dem Schuhanneli-Zweig und der Reinacherin Verena Gautschi zur Welt. Sein Vaterhaus stand auf der Westseite der Ölbergstrasse, in deren nördlichem Bereich, wo sich später einmal die Gärtnerei Zingg befinden sollte. Heinrich wuchs im Kreise von neun Geschwistern auf, sechs Schwestern und drei Brüdern. Der Vater muss mit dem Tuchgewerbe so viel verdient haben, dass er sich die medizinische Ausbildung des aufgeweckten Heinrich leisten konnte.

Näheres über Heinrichs Studienzeit ist nicht bekannt. Hingegen hat sich ein Brief erhalten, den der 15-jährige Bub noch vor dem Besuch der Kantonsschule aus Aarau an seine Eltern und Geschwister schrieb. Er hatte eben die mehrtägige Aufnahmeprüfung hinter sich. Am nächsten Tag sollte er erfahren, ob er aufgenommen war. Er hatte ein gutes Gefühl: «Ich glaube, bei den meisten Herren Profeßoren genug geleistet zu haben.» Sehr zufrieden war er auch mit der Kostfamilie, bei der er logierte und wo er für die Schulzeit bleiben wollte. Das Essen sagte ihm zu: «Gestern Mittag hatten wir Würste, Fleisch und Gemüse, abends wieder Würste und Brodschnitten und Erdäpfel. Heute morgen auch Kaffe wie gewöhnlich, von Mittag wieder Fleisch, Kraut und Erdäpfel.» Auch die Unterkunft lobte er: «Mein Zimmer ist sehr schön und angenehm, grün angestrichen. Ein Schreibtisch und ein Kasten und ein kleinesTischlein im Zimmer mit einem Zeitt (einer Uhr)».

Erste Praxis-Jahre

In diesem Haus an der Ölbergstrasse wohnte und praktizierte Heinrich Merz. Aufnahme von ca.1925

In diesem Haus an der Ölbergstrasse wohnte und praktizierte Heinrich Merz. Aufnahme von ca.1925

Vermutlich 1851 war Heinrich so weit, dass er die erste Arzt-Praxis in Menziken eröffnen konnte. Wir schliessen das daraus, dass sein Vater damals auf der Ostseite der Ölbergstrasse ein 1835 erbautes Haus kaufte, zweifellos um es dem frischgebackenen Doktor, der selber ja noch kein Vermögen besass, zur Verfügung zu stellen (nachmaliges Haus Ölbergstrasse 3). Das Haus sollte erst 1865 beim Tod von Johann Rudolf in den Besitz des Sohnes übergehen.

Heinrichs Unternehmen liess sich gut an. Wr erfahren das aus einem Brief, der sich erfreulicherweise im Nachlass seiner 2018 verstorbenen Enkelin Susi Merz erhalten hat. Heinrich verfasste den vier Seiten starken Brief an einen in Genf lebenden Verwandten, den er Vetter Rudolf nannte. Schon nach dem zweiten Sommer (1852) konnte er diesem berichten, seine Praxis habe begonnen «sich auszudehnen». Seine Tätigkeit beschränkte sich beileibe nicht auf den Wohnort Menziken, sondern umfasste, wie er schreibt, auch Patienten in Pfeffikon, Reinach, Gontenschwil, Zetzwil und besonders in Beinwil. «Auch habe ich in letzter Zeit Wurzeln gefaßt in den benachbarten Gemeinden des Kantons Luzern: Wittwyl, Herlisberg, Münster, Wynen.» Bedeutend war nicht nur der Wirkungskreis des jungen Arztes, sondern auch die Zahl seiner Behandlungen. Er stützte sich beim Leistungsvergleich mit anderen Ärzten auf die Anzahl der jeweils an einem Tag ausgestellten Rezepte. «Meine Praxis hat dermaßen zugenommen, daß ich den Doctor Hegnauer (in Reinach) bereits überflügelt habe und daß in letzter Zeit Tage vorgekommen sind, wo Dr. Schmid (Wohnsitz unbekannt) nicht mehr verschrieb als ich.» Woher aber hatte Heinrich die Angaben für den Vergleich? Er unterhielt eine gute Beziehung zu einem Angestellten der Suterschen Apotheke in Reinach. Dieser lieferte ihm die Zahlen jeweils «unter 4 Augen», kaum ganz legal. Heinrich ersuchte denn auch seinen Briefpartner, Stillschweigen zu bewahren.
Der Arztberuf hatte aber nicht nur erfreuliche Seiten: «Also in Beziehung auf Beschäftigung kann ich für die kurze Zeit meines hiesigen Aufenthaltes ganz wohl zufrieden sein; allein in Beziehung auf die Mühsalen und die miserable Bezahlung der Landpraxis kann ich leider mein früheres Urtheil nicht ändern. Ich kann zwar das erste Jahr meiner hiesigen Praxis über 3000 Fr. in mein Buch schreiben. Allein die Auszahlung geht so langsam vorwärts, daß ich jetzt noch zuweilen gezwungen bin, Sackgeld von meinen Leuten anzusprechen.» Heinrich musste also seine Verwandten manchmal um finanzielle Überbrückung bitten. Die Gedanken zu seiner Lage tönen ganz modern: «Das ärgerlichste für mich ist der Umstand, daß mir fast keine Zeit frei bleibt für das studiren, und der Arzt, welcher nicht immer auf der Höhe der medizinischen Forschungen der Tagesliteratur steht, wird zum einfachen Handlanger für das Geld und geht den Krebsgang und verliert die wahre Lust an seinem Fache.»

Der erste Winter muss für den jungen, noch unerfahrenen Arzt sehr hart gewesen sein, nicht zuletzt der Kälte wegen, die ihm auf seinen Gängen zusetzte. Sein Vetter fragte ihn deshalb später, ob ihm «Menziken bald lieber werde als den verfloßenen Winter». Um sich die Arbeit etwas zu erleichtern, hätte Merz gerne ein Pferd gekauft. Er hatte sich aber vorgenommen, das erst zu tun,«wenn mir genug Geld eingegangen ist». Man fragt sich, wie er ohne Reittier die auswärtigen Patienten besuchte. Zumindest die weiter weg wohnenden müssen in der Regel den Arzt an seinem Wohnort aufgesucht haben. Angaben dazu fehlen. Aus Wünschen, die Heinrich gegenüber seinem Brieffreund äusserte, wird aber klar, dass er selber oft unterwegs war. Er bat Vetter Rudolf im Sommer, ihm für die kommende kalte Jahreszeit einen Winterüberrock «zu wohlfeilem Preis» zu kaufen. «Er muß aber lang und warm gefüttert sein und eine Kopfkaputze haben. Ein Sielett (Gilet?) …. wäre mir auch sehr angenehm.» Wichtig bei Heinrichs finanzieller Lage war, dass die Kleidungsstücke nicht zu viel kosteten: «Du dürftest jedenfalls nicht viel mehr als 2 Napoleons d’or für ein neues (Gilet), weniger für ein altes zahhlen.»

Verhältnismässig bald konnte sich der arme Heinrich das ersehnte Pferd leisten. Wir entnehmen das einem Brief vom Januar 1855, den ihm ein Freund, Lehrer Johann Merz, aus Lenzburg schickte. Dieser bat den Arzt, ihn wegen seines schlechten Gesundheitszustandes aufzusuchen. Das Pferd könne er bei ihm im Stall einstellen.

Noch keine Heirat

Heinrich Merz geht in seinem ausführlichen Brief auch auf Privates ein. Sein Vetter hatte ihn gefragt, «si le marriage aura bientot lieu?» Heinrich muss mit einer reichen Dame in Kontakt gekommen sein, die sein finanzielles Umfeld schlagartig hätte verändern können. Er antwortete jedoch: «Ich habe mir diese Angelegenheit und die fragliche Persönlichkeit ganz aus dem Kopf geschlagen, oder eigentlich beßer gesagt: nie in den Kopf gesetzt. Ich kann und will nicht Geld in erster Linie heirathen; zuerst kommt Zuneigung und dann Geld. Einstweilen beschäftige ich mich mit diesem Gegenstande nicht.» Eine sympathische Haltung! Um wen es sich bei der fraglichen Frau handelte, bleibt leider das Geheimnis der beiden Briefschreiber.

Erste Seite von Heinrichs Brief an seinen Vetter

Erste Seite von Heinrichs Brief an seinen Vetter

  • Dokument

    • Titel:
      Heinrich Merz, der erste Menziker Arzt
    • Autor:
      Peter Steiner, Reinach
    • Veröffentlichung:
      1. Jan. 2020
    • Download:
  • Quellen

    • Regionales Zivilstandsamt Menziken/Burg, Bürgerregister Menziken I und II
    • Gemeindearchiv Menziken, Lagerbücher; Gemeinderatsprotokolle 7 bis 17
    • Drei Originalbriefe von Heinrich Merz (HVW, später Leihgabe im Staartsarchiv)
    • Arztrechnung von 1862 (Sammlung der HVW)