August 2007, Raoul Richner

Die Datumsgrenze durch das Wynental

Wenn sich unsere Vorfahren auch nur ein paar Fussstunden von zu Hause fortbewegten, mussten sie sich vergegenwärtigen, dass sie mit ganz unterschiedlichen Einheiten konfrontiert waren. Für heutige Begriffe herrschte in der Eidgenossenschaft und in ganz Europa ein kleinräumiges Mosaik an unterschiedlichen Bezeichnungen und Werten für Flächen-, Längen- und Hohlmasse und Gewichte. Umrechnungstabellen zeugen davon, wie komplex die Situation bis ins späte 19. Jahrhundert war, als endlich (kontinental-)europaweit stabile Einheitsgrössen, wie wir sie heute verwenden, eingeführt wurden.

Während langer Jahre kam eine weitere Uneinheitlichkeit dazu, die sich direkt auch im Wynental manifestierte: Zwischen 1584 und 1700 überquerte man nämlich mit der heutigen aargauisch-luzernischen Kantonsgrenze auch eine Datumsgrenze. Wie es dazu kam, soll im folgenden Text dargestellt werden.

Der von C. Julius Caesar geprägte, nach ihm benannte Sonnenjahr-Kalender ging davon aus, dass ein Jahr 365¼ Tage dauert. Da es in Wirklichkeit aber um 0,0078 Tage kürzer ist, war diese Laufzeit immer etwas zu lang berechnet. Dieser Fehlbetrag summierte sich im Laufe der Jahrhunderte, so dass der Kalender bis ins 16. Jahrhundert der Natur, d. h. der Tag-und-Nacht-Gleiche, um 11 Tage nachhinkte. Seit dem 14. Jahrhundert hatten Mathematiker und Astronomen Vorschläge für Kalenderreformen gemacht, die aber alle nicht durchgeführt wurden. Erst als sich Papst Gregor XIII. der Frage annahm, wurde dieser offensichtliche Missstand beseitigt. In seinem Auftrag wurde ein Kalender erarbeitet, der dann bald im Gegensatz zum alten, julianischen als neuer, gregorianischer Kalender bezeichnet wurde. Dieser brachte durch die Streichung von elf Tagen und durch eine neue Schalttagregelung die Zeitrechnung wieder mit der Astronomie in Einklang.

Dieser neue Kalender, der laut päpstlichem Dekret im Jahr 1582 unter Weglassung der Tage zwischen dem 5. und dem 16. Oktober einzuführen war, spaltete fortan Europa in zwei Kalenderzonen: die Staaten unter katholischer Herrschaft beugten sich teils sofort, teils mit einiger Verzögerung alle dem Machtwort aus Rom, die protestantischen Staaten hingegen behielten den alten Kalender bei.
In der Eidgenossenschaft führte die Mehrheit der katholischen Orte den neuen Kalender im Januar 1584 ein. Somit legte sich fortan durch das obere Wynental eine Datumsgrenze: Während das luzernische Michelsamt im Süden sich am neuen Kalender orientierte, hielten im Norden die Wynentaler unter Berner Herrschaft am julianischen Kalender fest.

Diese Situation blieb während fast 120 Jahren bestehen. Die Wochentage stimmten beiderseits der Grenze überein, die Feiertage hingegen nicht. Wenn die Pfeffiker beispielsweise am 25. Dezember bereits Weihnachten feierten, gingen die Reinacher am 14. Dezember noch ihrer täglichen Arbeit nach. Um zu vermeiden, dass die Feiertagsruhe der Nachbarn gestört wurde, wird Bern vermutlich auch in unserem Tal (analog zum bernisch-solothurnischen Grenzgebiet) angeordnet haben, dass auch die katholischen Feiertage von den Pfarrern verlesen wurden.

An eidgenössischen Treffen, die von Vertretern beider Konfessionen besucht wurden, gewöhnte man sich eine doppelte Datierung an. Das untenstehende Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Brief aus Liestal zuhanden der Tagsatzung, der auf den 25. Juli / 4. August 1690 datiert ist.

Ausschnitt aus einem Brief aus Liestal zuhanden der Tagsatzung, der auf den 25. Juli / 4. August 1690 datiert ist

Ausschnitt aus einem Brief aus Liestal zuhanden der Tagsatzung, der auf den 25. Juli / 4. August 1690 datiert ist

Um das Jahr 1700 kam Bewegung in die Kalenderfrage. Der Anstoss dazu kam aus dem Deutschen Reich. Die evangelischen Fürsten und Stände, die im Dezember 1699 an ihrem Reichstag in Regensburg die Kalenderfrage ”reifflich examiniert, überlegt und erwogen” hatten, informierten die Eidgenossen über ihren Beschluss, im März 1700 ebenfalls einen überarbeiteten Kalender einführen zu wollen. Sie luden die reformierten Orte schriftlich «zu gleichmessiger Einführung des erstvermeldeten [= obgenannten] verbeßerten alten Calenders» ein. Die Vertreter von Zürich, Bern, Basel, Schaffhausen und Glarus trafen sich im April 1700 zu einer Konferenz in Aarau, wo das Thema behandelt wurde. Da einige Gesandte noch keine Kompetenz hatten, in dieser Frage zu entscheiden, und zuerst Rücksprache bei ihrer Obrigkeit halten mussten, konnte der Entscheid zugunsten des verbesserten Kalenders erst im Juli gefällt werden, als man sich in Baden traf. – Im modernen Sprachgebrauch könnte man diesen Vorgang etwas überspitzt als «autonomen Nachvollzug» einer Reichsempfehlung durch die reformierten Orte bezeichnen.

Die Kalenderumstellung sollte bereits zum folgenden Jahreswechsel erfolgen. Am 9. November 1700 wurden die für unser Tal massgebenden bernischen Landvögte über die Kalenderumstellung informiert; sie wurden beauftragt, diesen Beschluss auf dem Land «offentlich von Cantzlen verkünden zelassen». Konkret wurde dekretiert, dass auf Dienstag, den 31. Dezember 1700, gleich Mittwoch, der 12. Januar 1701, folgte.

Es ist nun interessant zu sehen, wie die Berner Obrigkeit für die Kalenderreform argumentiert. Im Mandat heisst es, dass die ungleiche Zeitrechnung «vielfaltige Unordnungen in geist- und weltlichen Sachen erweket» habe und schon «zum öffteren erwünschet» worden sei, dies zu ändern. Nun böte das Jahr 1700 «hierzu einen sonderlichen bequemen Anlaß», dass «vielen Unordnungen, Irrungen und Streitigkeiten abgeholffen» und «Erleichterungen in Handel und Wandel verschaffet» werden könne.

Es ist übrigens bemerkenswert, dass nie vom Übergang zum «gregorianischen Kalender» die Rede ist, sondern immer der Einführung eines «verbesserten alten Kalenders». In der Tat hatten protestantische deutsche Forscher ihrerseits neue Berechnungen gemacht, die dann unter dem Strich auf dasselbe Resultat hinausliefen wie der päpstliche Kalender. Bern legte Wert darauf, den Untertanen aufzuzeigen, dass man sich mit der Kalenderreform nun nicht doch noch dem päpstlichen Willen unterwerfe, sondern dass sich das Unterfangen auf die jüngste «genauwe Zeitaußrechnung» durch «etwelche in dieser Kunst wohl geübte und erfahrene Persohnen» abstütze.
Durch diese Informationskampagne sollte verhindert werden, dass «bey unseren [= bernischen] Angehörigen und Underthanen zu Statt und Land dieses abgeenderten oder vielmehr verbeßerten Calenders auß Ermangelung besseren Berichts» keine «unguten Gedanken und Meinungen» auftauchen sollten.

Stichproben in einigen Wynentaler Kirchenbüchern zeigen tatsächlich, dass die Kalenderumstellung offenbar reibungslos, ja sogar stillschweigend umgesetzt wurde: Keinem Pfarrer war die Streichung von elf Tagen auch nur eine Randnotiz wert!

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass im Jahr 1701 die Einheitlichkeit des Kalenders in der Eidgenossenschaft noch nicht hergestellt war. Die Prättigauer Gemeinden Grüsch und Schiers verabschiedeten sich erst 1812 vom julianischen Kalender– sie waren die letzten «Widerstrebenden» in Westeuropa. In den von der orthodoxen Kirche geprägten Ländern des Balkans und Osteuropas wurde der gregorianische Kalender zwischen 1913 und 1926 eingeführt. Seither ist die Zeitrechnung Europas nach über 300 Jahren wieder synchronisiert.

Titel:

Die Datumsgrenze durch das Wynental

Autor:

Raoul Richner, Buchs

Veröffentlichung:

1. August 2007

Download:

  • Staatsarchiv Aargau, AA/0823, 13-14 (Lenzburger Mandatenbuch)
  • Hermann Grotefend (1991): Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit, 13. Auflage, Hannover.
  • Hans Kläui (1985): «Grundlagen der Zeitrechnung und Einführung des Gregorianischen Kalenders in der Alten Eidgenossenschaft», in: Jahrbuch der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung, 3-22.
  • Andreas Würgler (2006): «Streit um den richtigen Kalender», in: Berns mächtige Zeit, Das 16. und 17. Jahrhundert neu entdeckt, Bern, S. 135.